Vor 20 Jahren: Wie ich meine Berufung für digitale Kommunikation fand …

Seit 20 Jahren kümmere ich mich um die digitale Kommunikation von Kunden. Statt eines Planes stand am Anfang jedoch ein Zufall… Eine persönliche Erinnerung.

Frühjahr 2000.
Draußen blühen die Knospen an den Bäumen auf, die Sonne strahl scheu. Die ersten warmen Tage.
Ich sitze in einem Büro in Sonthofen, Allgäu.
Ich bin für Mobilcom unterwegs, verkaufe für die frisch gegründete Freenet AG Internetzugänge. Internet ist der neue heiße Scheiß. Noch teuer. Vor uns liegt ein Sommer, an dem die ersten Anbieter sich mit Flatrates in den Ruin treiben. Davon ist aktuell noch nichts zu hören, und so ich noch Tarife, bei denen man sich mit piepsendem Modem ins Internet einwählt und nach zwei Minuten lieber wieder den Stecker zieht, damit man nicht arm wird.

Ich bin nicht gut in dem, was ich tue. Vor allem, weil ich nicht mag, was ich tue. Deshalb bin ich meist mit einem Partner unterwegs. Wir bilden ein gutes Duo: er, Mitte 50, mit allen Wassern gewaschener Verkäufer. Ich vollkommen ahnungslos, aber zumindest jung, so dass man mir „Internet“ abnimmt … 
Auf den Verträgen steht abwechselnd sein und mein Name – wir grasen im stockkonservativen Allgäu auf einer Wiese, die Internet weder versteht noch es braucht oder gar will.

An diesem sonnigen Tag sind mit dem Junior-Chef einer Bäckerei verabredet. Wozu braucht ein Bäcker im Jahr 2000 schon Internet? Aber unser Gastgeber nimmt sich Zeit für uns, ist jung und nett. Etwas Smalltalk. Ein Kaffee. Und dann: „Internet brauche ich nicht“, sagt er. Und zu unser beider Überraschung ergänzend: „…hab‘ ich schon.“ Er trinkt ein Schluck: „Aber,“ – schaut mich an – „eine Webseite könnte ich gebrauchen“.

Der Rest ist – wie man es so schön sagt – Geschichte.
Denn der Mann neben mir ist ein Haudegen alten Schlags, schaut zu mir rüber und sagt: „Klar, Thomas kann das!“ Und ich – im wahrscheinlich einzig einigermaßen souveränen Moment meiner ‚Karriere‘ als Mobilcom-Mitarbeiter – nicke und höre mich sagen: „Logisch, machen wir auch!

Machen wir natürlich nicht. Und kann ich auch nicht.
Aber ich bin ein guter Autodidakt. Drei Wochen, ein HTML Buch und ausgiebige Besuche bei SelfHTML später, sitzen wir wieder in dem kleinen Büro der Bäckerei und präsentieren den ersten Entwurf der neuen Webseite.

Unser Gegenüber zeigt sich begeistert, zahlt die vereinbarten 2.000 Mark und bleibt mehrere Jahre mit dieser Webseite online. Nach meinem Wegzug wenige Monate später kümmert sich eine Agentur um die Seite, aktualisiert sie regelmäßig und lässt im Meta-Tag sogar auf Jahre meinen Namen stehen…

Neun Monate später komme ich mit dieser Referenz, meinem privaten Weblog und der Empfehlung einer Bloggerin, die ich bis dahin nie gesehen hatte, an einen besseren Job: ich arbeite fortan für mehr als 4 Jahre als Programmierer in einer kleinen Agentur bei Stuttgart. In der Zwischenzeit habe ich mir CSS beigebracht, verfüge über einigermaßen gute PHP Kenntnisse und eigne mir mit der Zeit rudimentäres Wissen über JavaScript und Python an.
Nach vier Jahren aber merke ich, dass Programmieren nicht das ist, womit ich meine Zeit verbringen will. Ich blogge seit Ende 2000, verfolge die Entwicklung des “Web 2.0” und merke: das ist, was ich will. Ich kündige schließlich Ende 2005 und mache mich als Blogger und Social Media Berater selbständig.

Die Jahre seitdem waren eine wilde, unendlich spannende und gute Reise. Mehr als 11 Jahre lang war ich selbständig, bevor ich Ende 2016 zu TLGG wechselte. Seit Ende 2018 nun bin ich als Teamleiter Social Media für TERRITORY webguerillas tätig – in beiden Positionen leite ich ein internationales Redaktionsteam für einen DAX30-Kunden.

Mein junges Ich von diesem April-Tag vor 20 Jahren kommt mir unheimlich weit weg vor. Und auch sehr nah, in seiner Begeisterung. Denn das, was ich im April 2000 da für mich entdeckt habe ist bis heute ungebrochen.

Ich mag es noch immer, ab und an bis zu den Ellenbogen in HTML und PHP zu stecken. Ich freue mich nach wie vor, Neues im Netz zu entdecken.
Die Motivation für meinen Berufsalltag schöpfe ich genau daraus: aus dem stetig Neuen. Nichts ist für uns Social Media-Arbeiter so unwichtig wie das Wissen von vor 10 oder gar 20 Jahren*. Und gerade das ist, was ich liebe. Die stetige Veränderung gehört zu meinem Berufsalltag. Das ist am Ende auch, was mich 2005 dazu veranlasste, kein Programmierer mehr sein zu wollen. Sondern etwas anderes, für das es damals noch nicht mal wirklich eine Berufsbezeichnung gab. Die ersten Social Media Agenturen in Deutschland gründeten sich 2009, mit TLGG zum Beispiel.

20 Jahre digitale Kommunikation.
Von mir aus kann das gern nochmal 20 Jahre so weiter gehen. Ich werde nicht müde, bekomme selbst auf  TikTok noch keine epileptischen Anfälle und kann mit meinen Teenage-Kindern locker über digitale Trends, die neusten Twitch-Streams und besten Channels auf Discord reden.

Lasst und für 2040 doch direkt den “Digitale Alte”-Stammtisch ins Auge fassen. Im virtuellen Raum treffen wir uns dann hin und wieder und reden, wie das alles war – in den guten alten Tagen mit ICQ, FOAF und Friendster. Und wie wir damals, frei nach Jean-Remy von Matt, die virtuellen Klowände des Internets bekritzelten. **

Bis dahin!

* Ausnahmen bestätigen die Regel: schon 2007 haben mein Freund & freiberuflicher Partner Daniel Große und ich Podcasts für Messen aufgenommen und von Pressekonferenzen live getickert, … 

** Wenn du die Referenzen ohne Google alle verstanden hast, bist du scheinbar schon ebenso lange im Business wie ich 😉

*** Eine Übersicht über alle größeren Projekte, die ich seit 2005 realisiert habe findest du hier: Über mich, Thomas Gigold.