Clubhouse: Was vom Hype um die Audio-App übrig bleibt

Es ist die App der Stunde: Die Audio-App Clubhouse erlebte in den zurückliegenden Tagen in Deutschland einen regelrechten Hype.
Was dahinter steckt, welche Chancen und Probleme Clubhouse hat.

Clubhouse. Die App der Stunde.
Bereits seit Ende Mai 2020 ist die Audio-App in den USA das Thema in der Tech-Branche. Nun kommt der Hype auch nach Deutschland. Angestoßen von zwei Podcastern, vorangetrieben von Joko Winterscheidt, Paul Ripke, hunderten Social Media-Profis und – ja, auch – FDP-Chef Christian Lindner. Sie alle eroberten die App am Wochenende in Deutschland. Auf Twitter kam niemand daran vorbei.

Was ist Clubhouse?

Clubhouse ist eine Plattform, auf der ausschließlich Live-Audioinhalte gestreamt werden. Viele bezeichnen es als „Podcast 2.0“.

Diese Gespräche finden in jeweils von einem Nutzer ins Leben gerufenen „Räumen“ statt. In diesen kann Jede*r zuhören und – von einem Moderator einmal freigeschaltet – sich auch selbst aktiv beteiligen. Eine andere Form von Interaktion, zum Beispiel über Likes oder geschriebene Kommentare, gibt es nicht.

Die virtuellen Gesprächsrunden lassen sich zudem wie Sendungen im linearen Radio planen und so ankündigen.

Am besten trifft Clubhouse vielleicht die Vorstellung einer öffentlichen Telefon-Konferenz. Oder Zoom Calls – nur ohne Video, in einer App auf deinem iPhone.

Aktuell – und das erklärt auch ein wenig den Hype – gibt es die App nur für das iPhone (ab iOS 13) – und nur auf Einladung!

FOMO auf die Spitze getrieben

Clubhouse treibt die „Fear Of Missing Out“ (FOMO) – die Angst, etwas zu verpassen – auf die Spitze. Zum einen, weil der Kreis der Nutzer noch exklusiv ist. Zum anderen aber auch, weil die Inhalte direkt wieder verschwinden.

Die Gespräche auf der Plattform sollen weder mitgeschnitten noch transkribiert werden. Was einmal gesagt wurde verschwindet also im digitalen Äther – wie im Radio.
Damit nutzt Clubhouse die gleiche Mechanik wie Stories-Formate, bei denen man allerdings immerhin noch 24 Stunden hat, um sie zu konsumieren. Dieser Vorteil – aus Sicht der Betreiber – könnte sich jedoch zum größten Nachteil entwickeln, denn nachhaltig sind die Gespräche ohne Archiv nicht.
Die Inhalte werden auch vom Betreiber übrigens nicht langfristig gespeichert. Allein, wenn ein Inhalt von Nutzern gemeldet wird, der gegen die Community Richtlinien verstößt, wird ein Backup des jeweils gemeldeten Inhalts.

Clubhouse wird am Nutzer-Streß scheitern

Wie eben geschrieben treibt Clubhouse seine Nutzer vor sich her.
Und das ist entsprechend das Kernproblem: Zeit.
Die Plattform ist nichts für schnelle Inhalte, Snackable Content, der mal eben in einer Pause konsumiert wird. Gerade dort, in Pausen, auf dem Weg zur Arbeit und Abends als Second Screen auf der Couch, ist Social Media aber eigentlich stark. Clubhouse hingegen ist kein Medium für Nebenbei.
Es ist kein Podcast, den man zwischendurch anhalten kann. Kein TikTok-Video, das in 15 Sekunden wieder weg ist, kein schnelles Bild oder eine Motivations-Kachel.
Die Plattform will deine Aufmerksamkeit – voll und ganz.

Das klappt während eines Lockdowns. In einer Pandemie. Oder – wie gerade in Deutschland – an einem Wochenende auf der Couch.
Ob das dann im oder nach dem Arbeitsalltag aber auch noch so spannend und / oder „cool“ ist? Ich mag es bezweifeln.

Und auch als Creator stellt sich die Frage: woher die Zeit nehmen. In der Abwägung zwischen Instagram, Twitch, Youtube, Facebook, Stories, dem eigenen Podcast und Newsletter – wo soll die Zeit für eine neue Plattform herkommen, deren exklusiv produzierten Inhalte ich nicht weiter nutzen kann? Auch für Firmen mit (kleinem) Marketing-Budget stellt sich die Frage.

Und als Nutzer kommt noch etwas hinzu. Die Plattform kokettiert nämlich mit etwas, dass wir Dank Netflix, VOD, YouTube und Co. eigentlich bereits vollkommen aus unserem Leben verbannt hatten: linearem Medienkonsum.
Wer nicht zur anberaumten Zeit vor der App sitzt hat verloren. Ein Konsum von Inhalten zu dem Zeitpunkt, den ich mir selbst bestimme, ist nicht möglich. Vielleicht ist diese Nostalgie auch ein wenig der Kern des Hypes.

Was mit Clubhouse möglich ist

In Deutschland drehen die Digital Medien-Schaffenden gerade alle durch. Was allein am Wochenende an Talks auf der Plattform stattfand war schwindelerregend. Um Diversität, Corona, die digitale Zukunft – und alle mit Rang und Namen diskutierten mit.
In den USA ist Clubhouse bereits seit Ende Mai ein Thema.

Trotzdem muss man natürlich sagen, dass noch nicht alle Ideen, die das Format vielleicht bietet, entwickelt wurden. Klar aber ist, dass es sich in seiner jetzigen Form vor allem für zeitgeistige Inhalte eignet.
Virtuelle Konferenzen (oder gar Konzerte?), interaktive Interviews zwischen Communitys, Brands und Influencern, Feedback-Runden von Creators und Promis (wie sie Paul Ripke am Wochenende abhielt), öffentliche Lernrunden oder Keynote-Events.

Für (Corporate) Influencer kann die App aktuell spannend sein, um sich als digitaler Vorreiter in Panels und Diskussionen zu positionieren. Voraussetzung: man muss den Mut haben eine eigene Meinung haben und sein Gebiet kennen. Dann kann man sich hier wunderbar offen und nahbar zeigen.

Vorteil: Auch kamerascheue Experten oder eher introvertierte Menschen könnten hier ihre Plattform finden. All zu groß indes ist der Kreis des Publikums allerdings noch nicht.

Kommerzielle Nutzung von Clubhouse nicht erlaubt

Clubhouse ist „People Business“. Aktuell sind weder Marken-Konten möglich, noch vorgesehen. Konkret ist eine kommerzielle Nutzung in laut Nutzungsbestimmungen gar explizit verboten. Für die „private“ Nutzung ist die App verfügbar.
Natürlich dürfte klar sein, dass damit nicht all die Freelancer, Profis und Journalisten gemeint sein dürften – sondern Markenprofile von Firmen.

Irgendwie auch logisch. Zum einen hält sich Clubhouse so natürlich die Möglichkeit offen, ein Erlösmodell nachzuziehen. Zum anderen dürfte es „auf die Schnelle“ Marken auch schwer fallen eine Stimme zu finden.

Bei letzterem sollten Marken übrigens rasch nachvollziehen. 2021 wird das „Jahr des Audios“. Auf Clubhouse konkret können sich Marken entsprechend ausschließlich über ihre Köpfe präsentieren.

Die aktuellen Haupt-Themen sind Marketing, das Digitale und Tech sowie – wie sollte es in den USA anders sein? – Sport.

Die Probleme der App

Wie auch hierzulande eroberten in den USA als erstes Venture Capitalists, digitale Experten und Medienmenschen die Plattform. Und damit machten sie direkt auch ein Problem auf: denn diese Gruppe ist tendenziell eher weiß und männlich.

Diversität
…wird für Clubhouse eine Herausforderung. Und damit einher geht das Problem von Hate Speech und Rassismus.

Zwar hat Clubhouse eine Regel, nach der ein Einladender bei Verstößen von Eingeladenen auch von der Plattform verbannt werden kann. Trotzdem findet aber natürlich keine inhaltliche Kontrolle statt.
Bekäme die „falsche Klientel“ einen Fuss auf die Plattform – und das wird früher oder später passieren – könnte Clubhouse „kippen“, und von einem liberalen, offenen Raum zu einer rechten Plattform werden.
Statt spannender Talks von Tech-Nerds warten dann Hetzrunden den Ton bestimmen.

Bereits im Oktober gab es erste Hinweise und Beschwerden von Nutzern, als der ultra-rechts Blogger Curtis Yarvin zu Gesprächsrunden eingeladen wurde.

Und trotz seines exklusiven Einladungs-Prozederes steht Clubhouse beim Thema Content Moderation vor den gleichen Problemen wie Facebook und alle anderen sozialen Plattformen.

Datenschutz
Wie beim Thema Aufmerksamkeit geht Clubhouse auch beim Thema Daten vor: man will alle. Wer einen anderen Nutzer einladen will, muss der App Zugriff auf sein Adressbuch erlauben. Von den Telefonnummern werden anschließend Schattenprofile erstellt.

Auch erklärt Clubhouse nicht wirklich, was mit den Daten passiert.

Da stellen sich bei jedem Datenschutzverantwortlichen – vor allem auf Firmenhandys – die Nackenhaare hoch. Hier sollten vor allem geschäftliche Nutzer nicht vergessen, dass sie eine Fürsorgepflicht gegenüber den sensiblen Daten von Geschäftspartnern und Mitarbeitern haben. Dr. Thomas Schwenke klärt in einem längeren Blog-Beitrag auf.

Leichte Beute
Clubhouse ist leichte Beute für die Big Player. Die App bietet nichts, was ein Team an Programmierern nicht in wenigen Wochen für Instagram und Co. nachbauen könnte. Tatsächlich ist Twitter mit „Spaces“ bereits mitten im Beta Test für eine ganz ähnliche Funktionen.
Für Clubhouse ist das auch deshalb ein Problem, weil sich die Viralität um die App vor allem dort – auf Twitter – entwickelt hat. Vorteil für Facebook und Co.: Ich muss mir hier meine Fan-Base nicht extra aufbauen oder sie mitnehmen.

Warum das Format trotzdem bleibt

Auch, wenn ich davon ausgehe, dass Clubhouse uns nicht lange als Hype-App begleiten wird, so sehe ich doch Potential.

Für Clubhouse selbst könnte es schwer werden genügend Nutzer zu mobilisieren. Vor allem, wenn Twitter, Instagram und Telegram (zum Beispiel) ähnliche Formate starten gewinnen diese durch Nutzerbasis.
Es wird entscheiden sein, wie Clubhouse das Momentum nutzt.
Auch möglich: Clubhouse bleibt in seiner Nische aus spitzen Medienmacher-Nutzern, dann finden die eine Plattform zum Austausch.

Das Format „Social Audio“ – Live-Podcasts – allerdings hat Zukunft.
Mit ihm können sich Experten auf eine Weise zeigen und agieren, die sie zugänglicher macht. Sie können das Format Audio nutzen, ohne gleich einen Podcast aufzusetzen. Und Podcaster könnten es für Austausch-Runden mit Fans und Hörern nutzen.
Eigentlich die perfekte Ergänung für Spotify…?!

Wer hinter Clubhouse steckt

Clubhouse wurde von Pete Davison und Rohan Seth erdacht und im April 2020 veröffentlicht. Im Mai beendete man eine erste Investment-Runde mit Marc Andreessen, der über Investmentfirma Andreessen Horowitz 12 Millionen US-$ in die Firma steckte. Bereits kurz danach wurde die App auf einen Wert von 100 Millionen US-$ geschätzt.

Im Dezember meldete die Plattform 600.000 Nutzer.

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