Dreimal Zukunft: Buchkritik zu Homo Deus, Die Optimierer und Qualityland

Drei Bücher, welche die nahe Zukunft auf vollkommen unterschiedliche Weisen darstellen: ein Sachbuch und zwei Romane blicken auf das, was die Digitalisierung mit uns und unserer Gesellschaft anstellt.

In den letzten Wochen habe ich drei Bücher gelesen, die sich alle auf grundverschiedene Art mit unserer Zukunft auseinander setzen. Und gerade weil sie so verschieden sind, packe ich meinen kleinen Blick auf diese Bücher einfach in einen Artikel.

Homo Deus

Sachbuch | Inhalt auf der Verlagsseite.

Yuval Noah Harari Geschichte von Morgen (so der Untertitel des Buchs) wirft einen Blick auf die Entwicklungen der neueren Zeit und deutet, wo diese hin führen könnten. Dabei schreibt Harari in Homo Deus keine Prognose für die kommenden Jahrzehnte. Er legt vor allem Fakten aus dem Gestern und Heute auf den Tisch und führt den Leser basierend darauf zu einem Erkenntnisgewinn.

Auch, wenn das Buch wenig Neues für mich aufzeigte, halte ich es für lesenswert. Denn Harari bereitet darin leicht und allgemein verständlich auf, wie sich der Mensch die Welt in der modernen Zivilisation zu Untertan gemacht hat und wo in der Konsequenz der technischen wie gesellschaftlichen Entwicklung der Weg hin führt.

Homo Deus ist ein lesenswertes Buch für Realisten, die wissen wollen, auf welchem Weg wir eigentlich sind und in den nächsten 10 bis 20 Jahren Richtung Zukunft hin steuern.

Die Optimierer

Roman | Inhalt auf der Verlagsseite.

Vom Realist geht es zum Utopist. Theresa Hannig schilder in ihrem Debüt-Roman die Konsequenz einer smarten Diktatur. Während 1984 von George Orwell eine dunkle Disopie ist, kuschelt sich Hannings Held bei Die Optimierer in der durchoptimierten Welt ins warme Kissen der allgegenwärtigen Regierung. Weil es so hübsch und sauber ist.

Das Buch nimmt einen mit auf den strudelhaften Absturz eines Vorzeige-Bürgers in einer zukünftigen Gesellschaft. Bei seinem Taumel erblickt man links und rechts die schönen und weniger schönen Konsequenzen heutiger Entwicklungen. Dabei spielen AI, Überwachung und Rating-Systeme, wie es China plant, eine große Rolle.
Einzig das Ende des Buches hat mich ein wenig enttäuscht – dort nämlich kippt die sonst ziemlich gut gezeichnete Welt in eine überzogene Karrikatur ihrer selbst und schießt sich ein wenig ins Aus. Auch werden die wilden Träume, in denen der Held der Geschichte immer wieder landet, nie erklärt und der Leser damit allein gelassen. In der Konsequenz hätte sich Hanning diese Sequenzen auch sparen können.

Die Optimierer ein lesenswerter Roman, der die dunkle Seiten der durch-digitalisierten Welt in einer lichtdurchfluteten Inszenierung zeigt. 

Theresa Hannig schreibt übrigens bereits an Die Optimierer 2.

Qualityland

Roman | Inhalt auf der Verlagsseite.

Mit Qualityland liefert Marc-Uwe Kling eine bitterböse Satire auf die mögliche Gesellschaft von morgen. Vom vorausschauenden Versand auf Amazon über deprimierte Dronen, redseelige selbstfahrende Autos bis hin zur auf die Spitze getriebenen, algorithmusbasierten Partnervermittlung und einem Roboter-Präsidentschaftskandidaten.

In Klings Welt gibt es alles (und noch mehr), was es auch in Die Optimierer gibt – doch wo Hanning daraus eine weiß leuchtende Welt macht in welcher ihr Protagonist strauchelt, ist bei Kling alles deprimierend, bitterböse und dunkel.

Es gibt eigentlich nur ein Fakt, der mich an dem Buch wirklich nervte: Die Figuren in Qualityland tragen als Nachname den Berufsstatus ihrer Eltern. Was als Gag funktioniert wird mit jedem Satz über Peter Arbeitsloser leider nur tröger.

… und die Konsequenz?

Alle drei Bücher beschäftigen sich mit den massiven Umwälzungen der Digitalisierung, in die wir derzeit geraden. Die Herangehensweise könnte aber unterschiedlicher eben nicht sein: Harari legt einfach nur die Fakten auf den Tisch. Haning und Kling nehmen diese auf und spinnen fantasievolle, beklemmende und obskure Welten daraus, in denen man sich verlieren kann.

Mit Homo DeusDie Optimierer und Qualityland hat man einen optimalen Startpunkt, um über die Welt von Morgen zu diskutieren. Daneben wird man  wunderbar unterhalten. Was will man mehr von drei so unterschiedlichen Büchern?

Spannend finde ich übrigens, dass sowohl Die Optimierer als auch Qualityland mit einer Idee spielen, die unsere Gesellschaft nachhaltig beeinflussen wird: einem sozial-ökonomischen Rating-System für Menschen.
China will solch ein Scoring-System bis 2020 verbindlich einführen. Darin soll eine Person für das positive Verhalten von sich und Freunden digital anhand eines Level-Systems eingestuft werden. Je höher der Level dann, um so mehr ökonomische wie gesellschaftliche Vorteile erhält man.
Derlei System erweisen sich in ersten Tests als vielversprechende Alternative zu Strafsystemen – denn statt abstrakte Strafen auf Fehlverhalten zu verteilen erfahren Menschen durch sie direkte Belohnung. Die Gamification der Diktatur.

Auf dem vor wenigen Tagen zu Ende gegangenen 34. Chaos Communication Congress kamen derlei Scoring-Systeme in mehreren Vorträgen zur Sprache. Denn nicht nur inn China baut man an einem solchen Bewertungssystem für die eigenen Bürger. Auch in westlichen Ländern arbeiten erste Firmen an derlei Ideen. Deemly in Dänemark zum Beispiel.

Genau in solchen Systemen liegt für uns eine Gefahr.
Denn in einer so überwachten Umgebung zensieren sich Nutzer selbst – Social Cooling nennen Experten diese Selbstbeschneidung der eigenen Gedanken. Entsprechend ist es auch weniger die Dystopie aus 1984, welche in modernen Gesellschaften die Freiheit bedroht, als vielmehr diese Art der Selbstkontrolle durch Scoring-Systeme. Genau diese Zukunft zeichnet Hannig in Die Optimierer beängstigend gut …