Die Inthronisierung der Frühaufsteher: Weshalb Helden früher aufstehen und ich ein Versager bin

Wer spät aufsteht ist ein Versager. Denn egal ob der Chef von Apple, Facebook oder IBM – sie alle sind Frühaufsteher, Self-Made-Männer; erfolgreich! Und warum? Weil Sie früh aufstehen! Bullshit! Zeit die Diktatur der Frühaufsteher zu beenden!

Der jüngste CEO der Basketball-Liga NBA steht um 3.30 Uhr auf, ist um 4.30 Uhr im Büro und schickt seinen Mitarbeitern motivierende Emails für deren Arbeitsstart um sieben Uhr.„, schreibt Christoph Sackmann anerkennt in einem FOCUS-Artikel, den er mit „Diese 13 Frühaufsteher machen uns ein schlechtes Gewissen“ überschreibt.
Derlei Artikel findet man Zuhauf im Netz. Je früher du aufstehst, desto erfolgreicher bist du, schreien sie alle. Richard Branson, Tim Cook oder Mark Zuckerberg – alle pflegen sie das Image des Frühaufstehers. Nur, wer um 4 Uhr Morgens schon auf der Matte steht ist cool genug ein Milliardenunternehmen zu führen.
Dafür gehen die Jungs wahrscheinlich auch nach dem Sandmännchen ins Bett …

Ich bin nicht faul, nur weil ich später aufstehe!

Und ich? Ich bin faul, verkommen, Spätaufsteher!
Weil meine innere Uhr anders tickt als die der Supermen „BraCooZuc“ bekomme werde ich in unserer Gesellschaft automatisch zu einem faulen Verlierer!?
Oder zum ultimativen Bösen.
Von Wladimir Putin beispielsweise ist überliefert, dass er erst Morgens um 10 Uhr aufsteht. Klar, dass der nur schlecht sein kann, der Mann.

Dabei können wir Menschen überhaupt nicht beeinflussen, wie unsere innere Uhr tickt. Wir sind nun einmal eher Eule oder Lerche – Früh- oder Spät-Aufsteher.

Dass das Vorurteil tief verwurzelt ist, zeigt selbst der stern in seinem Erklär-Artikel über die „Zu-Bett-Geh“-Typen: Von Langschläfern und Frühaufstehern ist da die Rede.
Dabei schlaf ich nicht überhaupt nicht mehr, wie es das Wort Langschläfer im Deutschen impliziert. Ich schlafe nur zu anderen Zeiten – ich stehe nämlich nicht nur später auf, ich gehe auch später ins Bett. In der Regel komme ich sogar mit nur fünf bis sechs Stunden Schlaf aus.

Early bird my ass – von Eulen und Lerchen

Ich bin ein Eulen-Typ. Ich bin Nachts am Kreativsten, kann am besten Arbeiten, wenn die Sonne untergegangen ist. Jeder Versuch, mich in andere Bahnen zu zwängen ist bisher gescheitert. Der Vormittag ist für mich eine nutzlose Erfindung, rein arbeitstechnisch gesehen – in den Stunden bis 11 Uhr bekomme ich faktisch kein Wort auf’s Papier.

Würde ich in einem normalen Beruf arbeiten, ich säße drei Stunden umsonst in der Firma, weil man keine Rücksicht auf meine innere Uhr nehmen könnte / wollte.

Das Problem bin doch nicht ich, sondern die Frühaufsteher – sie sind es, die uns ihren Lebensrhythmus aufnötigen.

Dabei bin ich nicht weniger produktiv als andere. Ich arbeite nur zu anderen Zeiten und gehe in der Regel gegen 1 Uhr bis 4 Uhr Nachts ins Bett.
Übrigens eine ziemlich schlechte Uhrzeit, wenn man Schulkinder in der Familie hat – dann nämlich ist die Nacht dank des seltsamen Schulsystems bereits um 6 Uhr vorbei.

In der Regel falle ich deshalb aller vier bis fünf Tage schon um 23 Uhr ins Bett und gleiche so ein Defizit aus.

Was man tun kann als Eule? Bloggen! 😉

Ich bin seit 10 Jahren selbständig, verdiene mein Geld mit Schreiben und anderen Aufgaben, die ich recht zeitunabhängig tun kann. So habe ich nicht nur meine Erfüllung gefunden, sondern auch noch einen Beruf, den ich Eule tun kann.
Bevor ich selbständig war, habe ich als Programmierer gearbeitet. In der Branche ist anerkannt, dass „die Typen“ seltsam sind und seltsame Arbeitszeiten haben – Nachtschichten in der Agentur oder Daheim waren nicht selten …

Als Eule muss man sich der Diktatur der Frühaufsteher unterordnen, kann aber versuchen es so gut wie möglich zu kompensieren. Ich arbeite Morgens beispielsweise Dinge ab, die keine große geistige Leistung benötigen – E-Mails, Rechnungen, manage alte Blog-Beiträge, lese Newsletter, …

Ansonsten bleibt wohl nur das Mittagsschläfchen oder der Job als Nachtwächter. Denn wer gegen seine innere Uhr lebt und chronisch zu wenig schläft, lebt gefährlich.
Oder wir Eulen folgen einfach der Empfehlung der Jungle World von 2011 und probieren es einmal mit einer Revolution: „Einfach im Bett zu bleiben, könnte ein Ansatz sein, oder vielleicht ein Generalstreik der Spätaufsteher. Oder organisiert nachts viel Lärm zu machen, damit die anderen sehen, wie das ist, wenn man nach nur wenigen Stunden Schlaf schon wieder aufstehen muss.
Na, wie wäre es?

tl;dr
Mir geht das Auf-den-Podest-Stellen von Frühaufstehern auf den Zeiger. Wieso bin ich der Böse, wenn mein Biorhythmus anders tickt? Nur „The early bird catches the worm“? My Ass!