Stehen wir an der Schwelle zum Post-Schrift-Zeitalter?

Snapchat wird heute von 150 Millionen Menschen genutzt. Täglich. Davon sind 90% unter 25 Jahren. Und die nutzen die App weniger zur Selbstdarstellung als zur Kommunikation. Markieren sie den Übertritt in ein Zeitalter, in dem wir die Schrift wieder abschaffen?

Die Entwicklung der Schrift gilt für Kulturforscher als eines der Merkmale, die eine Hochkultur auszeichnet. Egal ob Keilschrift, Hieroglyphen oder Lateinisches Alphabet: Schrift und Worte helfen uns, Sachverhalte und Wissen zu vermitteln. Erst der Umstand, dass die alten Ägypter Dinge aufschrieben vermittelten uns einen Eindruck ihres Alltags. Nur durch die Nutzung von Schrift kann unser komplexes Wissen weitergegeben und gesichert werden.

Snapchat ist kein Bilderdienst, sondern ein Kommunikationswerkzeug

Doch es scheint, als stehen wir an der Schwelle einer Veränderungen. Vielleicht eines Zeitalters, in dem wir in andere Kommunikationsformen fallen.
Mit dem Einzug von Emojis und anderen graphischen Elementen sowie dem massiven Aufkommen von Bildern in Apps wie Snapchat und Facebook scheint es, als kehrten wir zu den Höhlenmalereien der Frühzeit zurück.

Ist Schrift kein Ausdruck einer Weiterentwicklung, sondern nur eine Übergangsform der Kommunikation? Werden wir die geschriebene Literatur vergessen und alle zu digitalen Höhlenmalern?

Diese Frage stellt sich John Naughton im Guardian: Is Snapchat the sign of a post-literary future?

Grundlage der Frage ist die Beobachtung der Social Media-Nutzung von Jugendlichen. Snap Inc. CEO Evan Spiegel erklärte neulich erstaunten Journalisten: „People wonder why their daughter is taking 10,000 photos a day. What they don’t realise is that she isn’t preserving images. She’s talking.

Jetzt sind 150 Millionen Nutzer von Snapchat bei 7 Milliarden Menschen auf diesem blauen Planeten natürlich wenig repräsentativ.
Auf der anderen Seite gehören Emojis und GIFs heute schlichtweg zum etablierten Sprachgebrauch vieler (vornehmlich junger) Internet-Nutzer. Und PR-Stunts wie der von Chevrolet beweisen: Man kann auch Pressemitteilungen verschicken, die Wissen allein durch Emojis vermitteln.

Die Demokratisierung der Bilderstellung gibt dem Visuellen wieder den kommunikativen Vorrang

Nun will ich nicht wirklich glauben, dass visueller Content das Geschriebene verdrängen wird. Komplexe Informationen lassen sich allein durch definierte Worte vermitteln.
Doch eine Verknappung der Sprache innerhalb der Jugend („Geh ich Aldi“) sowie der massive Einsatz von Bildern zur Informationsvermittlung fällt mir als Elternteil durchaus auf.

Mit der Etablierung der Allgemeinbildung und damit, dass Schrift für viele Menschen erlernbar wurde, haben wir eine Demokratisierung der Wissensvermittlung gesehen. Heute sind Fotos, GIFs und Emojis aufgrund der starken Verbreitung von Smartphones für jeden zugänglich, zu erstellen und zu teilen.
Als visuell orientierte Säugetiere nehmen wir diese Chance gern wahr und greifen auf vereinfachte Kommunikationswerkzeuge zurück. One Picture is Worth Ten Thousand Words ist ein geflügelter Satz, der 1921 erstmals in einer Werbeanzeige auftauchte. 2017 hat er seine Erfüllung gefunden, wir schreiben weniger und zeigen mehr.

Am Ende funktioniert ein How-To Video auch ohne Schrift, oft gar ohne Ton. Ein Snap vom Weg der Arbeit braucht schließlich ebenso wenig Schrift, kommt mit einem mündlichen Kommentar oder nur einem Emoji (Freude, Genervtheit, …) aus. Ein „Ich liebe Dich“ ist mit einem Kiss-Emoji allein zu transportieren.

Alltägliches lässt sich prima allein in Bildinformationen stecken. Wer das nicht glaubt: 2014 gab es da dieses Pärchen, dass berühmt wurde, weil es 30 Tage nur über Emojis kommunizierte. Mag Jemand Alex Goldmark mal fragen, ob er noch immer mit der Frau von einst zusammen ist?

Ein Gedanke zu „Stehen wir an der Schwelle zum Post-Schrift-Zeitalter?“

  1. Angenommen es wäre so (und ich merke, ich werde langsam kulturpessimistisch und mag es glauben) – was geschicht dann mit dem alten Wissen?
    Sollten wir dann schon einmal beginnen das Grundgesetz und den kategorischen Imperativ in Emojis zu übersetzen um unseren Erben unseren Stein von Rosetta zu hinterlassen?

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