Schlafen ist gesellschaftlich nicht (gut genug) anerkannt

Weil Schlaf gesellschaftlich als notwendiges Übel angesehen wird, werden wir alle krank. Eigentlich seltsam, in Zeiten der Selbstoptimierung: Wir stopfen uns mit Super-Food voll, aber die Augen zu schließen empfinden wir als unsexy.

Schlaf gilt nicht als sexy. Zehntausend Schritte am Tag zu machen und die eigene Leistung ständig zu messen, Obst und Vitamine zu sich zu nehmen – das ist aktuell sexy. Schlafen hingegen ist gesellschaftlich nicht positiv besetzt, und genau das raubt uns allen im wahrsten Sinne des Wortes den Schlaf.

Vor zwei Jahren habe ich einen kleinen Rant über die Inthronisierung der Frühaufsteher geschrieben. Darüber, dass unsere Leistungsgesellschaft unseren Biorhythmus unter der Decke der vorgetäuschten Selbstoptimierung vergräbt.

In eben diese Richtung stößt nun – nicht als Erster, aber als einer der Experten auf dem Gebiet – Schlafmediziner Ingo Fietze. Fietze arbeitet an der Charité in Berlin und berichtet im Interview mit Galore (hier auf Blendle) über die Schlafprobleme unserer Gesellschaft. Und er benennt das Problem klar: Pausen / Schlafen ist nicht sexy.

Goji-Beeren aus China statt Schlafen auf deutscher Matratze …

Und das hat Folgen. Bei Schätzungen, welche Euro-Summen etwas wie ein Schlafdefizit in der Volkswirtschaft hat, zucke ich ja immer skeptisch zusammen. Aber die Zahl ist so schön groß: 60 Milliarden Euro im Jahr kostet es in Deutschland an (verlorenem) Umsatz, weil du und ich nicht ausgeschlafen haben heute …

Lasst euch also nicht davon verführen, wenn euch Journalisten und Manager vorbeten, wie erfolgreich sie sind – nur weil sie Morgens um 4 Uhr aufstehen.

Am Ende ist es doch reichlich absurd, wenn wir aus China und Südamerika als Super-Food deklarierte Goji-Beeren einfliegen lassen – die ein ökologischer Gau sind –, um uns gesund und fit zu halten, während wir auf das einfachste und natürlichste Mittel dazu verzichten: Schlaf. Eine Stunde mehr würde uns allen wahrscheinlich schon gut tun.

Die Techniker Krankenkasse hat erst vor wenigen Monaten eine Studie zum Thema vorgestellt. Demnach schläft jeder Dritte schlecht und nur bis zu fünf Stunden pro Nacht. Alles Top-Manager vom Schlag eines Steve Jobs wie es scheint …

Und in einer Langzeitstudie mit 5.000 Teilnehmern kamen Forsche in 2016 zu dem Schluss, dass jede halbe Stunde Schlaf einen deutlichen Unterschied in puncto Leistungsfähigkeit des Gehirns und auch Langzeitgesundheit bedeute.

Ich nehme mich hier übrigens absolut nicht aus. Unter der Woche schlafe ich fünf bis sechs Stunden, weil mein Alltag in diese Zeiten gerutscht ist – trotz sich an der Grundeinstellung meines Artikels von vor zwei Jahren oder an meinem Biorhythmus nichts geändert hat … .

Also: Heute mal 30 Minuten früher ins Bett. Anne Will und Co. sind nun echt auch kein Grund die eigene Gesundheit zu gefährden …