Der Wert der Berufsorientierung an Schulen

Die Arbeitsagenturchefin Andrea Nahles will genauere Daten über Schulabgänger erfassen. Ein Skandal eigentlich, dass wir da noch nicht tun. Wir wissen: 47.000 Lernende verlassen die Schulen jedes Jahr ohne Abschluss. Wir wissen jedoch nicht, was mit ihnen passiert …

Nahles fordert, dass die Berufsorientierung in der Schule viel früher anfangen müsse, „am besten schon in der fünften Klasse“.
Das ist Humbug.

Mein Kind3 geht in die 9. Klasse eines Gymnasiums. Gemeinsam mit seinen Mitschüler:innen geht er heute ins „BIZ“ – das Berufsinformationszentrum der Arbeitsagentur.

Er ist 15.
Ich habe mit 15 noch wenig darüber gewusst, was ich „mein Leben lang“ als Job machen will.

Der deutliches Witz aber ist: Ich war vor exakt 30 Jahren ebenso im BIZ, wo der Computer auf einen sehr langen Zettel mit einem Nadeldrucker viele Jobs druckte. Gärtner und Bürokaufmann standen ganz oben. Wie gefühlt bei 90% aller.

Das Ding ist nur: Keinen der Jobs, die ich in den letzten 25 Jahren gemacht habe, gab es 1994 in den Rechnern des Arbeitsamtes … Und dummerweise reflektiert unser Schulsystem diese Entwicklung in keiner Weise.

Wir brauchen an Schulen keine frühe Berufsorientierung, sondern eine frühe Lebensorientierung. Wir müssen vermitteln, wie man lernt – statt nur Ergebnisse zu bewerten. Wir müssen den jungen Leuten beibringen, wie man Texte versteht, statt nur 10-Sekunden Videos, was Versicherungen, Haushalt, Familie bedeutet … Bis zur 8. Klasse sollten praktische, handfeste Informationen und Orientierung in den Stundenplänen stehen, statt Effi Briest und der Satz des Satz des Pythagoras …

Die Welt wird sich ja weiter drehen. Jobs kommen und gehen. Und ich wette, meine Kids werden in 20 Jahren in Bereichen arbeiten, die es vor 10 Jahren noch nicht gab – nicht mal als Gedankenexperiment. Darauf sollten wir sie vorbereiten, nicht noch mehr Stunden ins BIZ stecken …

Ich bin mir übrigens recht sicher, dass Andrea Nahles eigentlich genau das meinte, wenn sie davon spricht, Schüler:innen zum Arbeiten zu befähigen. Ich spreche trotzdem lieber von einer Lebensbefähigung.

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Text vom: 29.01.2024, 08:47 Uhr / Letzte Aktualisierung: 29.01.2024, 08:48 Uhr

Hi, ich bin Thomas

Seit mehreren Jahren schreibe ich über Mobilität, Technologie und die Digitale Gesellschaft. Wenn du magst erfährst du hier mehr über mich.