Extremes Bergsteigen als Dekadenzerscheinung
In Innsbruck stand ein Bergsteiger vor Gericht. Er hatte seine Freundin im Januar 2025 am Großglockner zurückgelassen – wohl in einer Situation (gute Erklärung im Video), in der er mit seiner Kompetenz am Ende war.
Fünf Monate auf Bewährung und eine Geldstrafe wegen grob fahrlässiger Tötung.
Das Urteil mag als Laie seltsam milde klingen. Für Bergsteiger eventuell sogar zu hart.
Ich kenne mich beim Bergsteigen nicht aus, aber ich finde spannend, was Reinhold Messner bei Welt TV erzählt, dass beim Verständnis hilft – und das ich spannend fand (Vollzitat ab hier):
Also ich glaube, dass extreme Bergsteigen können Laien am Küchentisch oder auch vor dem Gesetz nicht verstehen und nicht folgen. Was wir tun, ist erstens egoistisch, zweitens ist es eine Dekadenzerscheinung der letzten 200 Jahre und daraus ist der traditionelle Alpinismus entstanden. Genau das Gegenteil von dem, was jetzt bei der Winterolympiade läuft: Da gibt es keine Regeln, sondern wir folgen unseren Instinkten. Und unsere Instinkte wollen, dass wir Partner und Partnerinnen retten, wenn es irgendwie möglich ist. Wenn das nicht mehr möglich ist, dann ist es nicht mehr möglich. Natürlich kann man diese Tätigkeit nicht loben. Diese Tätigkeit kritisiere ich selber, indem ich eben sage, es ist eine Dekadenzerscheinung und keine Heldentat. Über Jahrzehnte – nein, über zwei Jahrhunderte – wurde das extreme Bergsteigen heroisiert. Damit haben wir aufgeräumt.
Nun ganz kurz zu meiner Definition von extremem Bergsteigen, was am Großglockner eigentlich nicht der Fall war: Wir gehen freiwillig, wohlbewusst dessen, was wir tun, dorthin, wo wir umkommen könnten – und um nicht umzukommen. Das Nicht-Umkommen ist die große Kunst. Und es ist nur eine Kunst, wenn man wirklich dabei umkommen könnte. Wenn ich das ausschalte, wenn ich das herausnehme, ist es was anderes.
Heute wird Tourismus und Sport in das traditionelle Bergsteigen hineingenommen. Was am Everest passiert, ist Tourismus. Was am Großglockner bei normalen Verhältnissen passiert, ist Tourismus. Was in der Kletterhalle passiert, ist Sport. Das ist alles messbar, das ist kontrollierbar, da gilt das Gesetzbuch.
Aber was wir tun, wir extremen Bergsteiger, das ist nicht greifbar, das ist nicht definierbar. Das passiert wie der Tod meines Bruders. […] Deswegen auch meine Aussage: Ich bin zum Glück nicht der Richter. In diesem Fall gibt es sehr viele Ungereimtheiten, wie mein Freund Peter Habeler auch deutlich sagt. Aber wenn ich selber nicht dabei war, wenn ich die psychologischen Hintergründe, das Verhältnis dieser beiden Menschen zueinander nicht im Detail kenne, kann ich hier kein Urteil sprechen. Und ich bin froh – ich wiederhole das – dass ich das in diesem Fall nicht muss.
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