Vibecoding, liebe Gemeinde, entzweit die Welt.
Während Sicherheitsexperten und die Künstler unter den Codern (zu Recht) die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, sehen andere die Demokratisierung der Software-Erstellung.
Eine Grundsatzdiskussion will ich an dieser Stelle eigentlich auch nicht aufmachen.
Es wird sich regeln. Am Ende ist‘s wie in vielen Branchen, die mit dem Kopf arbeiten: die Guten werden nicht verschwinden, das Mittelmaß durch KI ersetzt und die Junioren haben ein massives Problem, weil sie dank KI es schwerer haben, zu Guten zu werden.
Anyhow. Darum soll es nicht gehen.
Ich sehe im Vibecoding vor allem auch die Demokratisierung.
Wie einstmals Blogsoftware solche Deppen wie mich dazu befähigten, plötzlich ohne große Hürden ins Netz zu rotzen, ist Vibecoding die Möglichkeit, Lösungen für Probleme zu schaffen, die nur ich habe.
Hatte ich gesagt, ich will keine Grundsatzdiskussion führen?
Jedenfalls.
Im Augenblick gehe ich meine Abos so durch (mehr dazu dieser Tage). Eines davon ist Proton. Mit dessen Mail-Software sammle ich von diversen IMAP-Servern meine Mails ein, lese sie und schreibe ein paar.
Kann ich mir eigentlich sparen, dachte ich. Weil: Die Mails gehen sowieso alle über meinen Server. Wieso zahle ich eigentlich für eine Oberfläche?
Der zweite Gedanke war dann einer, der mich auf Threads ereilte: 99% meiner Mails sind erledigt, wenn die Konversation erledigt ist. Ich archiviere sie zwar, brauche sie aber nicht. Zudem bin ich unheimlich viel Zeit damit beschäftigt, Newsletter zu lesen und zu löschen.
Und dann dachte ich: Spare ich mir doch Geld und Zeit.
Das Ergebnis habe ich „Supra Mail“ getauft und am Wochenende gemeinsam mit Claude Opus – ja, liebe Gemeinde – gevibecoded.

Hinter einem 2FA-Login wartet eine Optik, die an Superhuman angelehnt ist und mir Mails nach gewissen Regeln vorsortiert. Das ist noch „Standard“, schon klar. Unter anderem kann ich Mails nach Regeln sortieren lassen, die Domain-, Absender- oder Empfänger-basiert sind.
Auf die Weise lassen sich Mails vorsortieren, aber auch zusammenfassen. Statt 12 einzelnen Mails von LinkedIn am Tag habe ich jetzt nur noch einen Thread „LinkedIn“, unter dem alles gesammelt wird.
Der richtige Trick, der auf meinem Gedanken bei Threads basiert sind die Lösch-Regeln.
Alle Mails werden standardmäßig nach 30 Tagen gelöscht – abhängig von der letzten Mail in einem Antwort-Thread. Newsletter verschwinden automatisch nach 7 Tagen – egal ob gelesen oder nicht. Mails, die als ToDo oder mit einem Stern markiert sind, sind von der Lösch-Regel ausgenommen. ToDo-Mails werden mir aller 24 Stunden erneut vorgelegt.
Zudem gibt es einen Vault – einen Tresor. Mails, die in den Tresor wandern, werden nie gelöscht und zusätzlich als physische Kopie in ein Verzeichnis abgelegt.
Und klar, Mails schreiben und Senden (gewollt Nur-Text und Anhänge) klappen soweit auch.
Auch kann ich über Tasten navigieren, die Oberfläche funktioniert im Browser und Mobil und ich kann die geltenden Regeln und angeschlossenen Konten jederzeit editieren.
Technisch läuft alles mit PHP, über IMAP und OAuth (wo möglich, bspw. Google).
Aktionen werden nicht live auf den Servern ausgeführt, sondern über einen zusätzlichen Datenbank-Layer zeitverzögert. Das sorgt für eine flotte UI und einen Puffer bei Fehlern.
Eine Suche gibt es (derzeit) übrigens noch nicht. Die habe ich absichtlich weggelassen. Mal sehen, ob oder wann ich sie vermisse.
Claude hat am Samstag stufenweise unter Aufsicht gebaut und dabei mit Opus als Steuerung ein Viertel meines wöchentlichen Kontingents verbraucht, drei Seen ausgetrocknet und vier Hundewelpen geopfert.
Mir ist bewusst, was die KI-Downsides sind.
Mir ist bewusst, dass im Tool selbst irgendwo eine Lücke oder eine falsch formulierte Regel stecken kann – wird sich zeigen, das Risiko ist einigermaßen okay (auch, weil das spezifische Konto, über das bspw. meine Bank mit mir kommuniziert nicht angeschlossen ist).
Mein primärer Treiber hier sind Experimentierfreudigkeit und die Überzeugung, dass eine gewisse Nerd- und Freelancer-Bubble, die von Neugier angetrieben wird, sich künftig nicht mehr ans SaaS-Lösungen halten werden, sondern sich zur Not selbst etwas basteln, dass auf ihre ganz eigenen Bedürfnisse zugeschnitten ist.
Und ich hab‘ durchaus Freude daran – der Vorteil dieses Projekts: Dem einzigen, dem das Schaden zufügen kann, bin ich.
Ich vibecode keine öffentliche App die mit Kundendaten um sich wirft…
Mal sehen. Vielleicht gibt es ein Update zu diesem Beitrag hier irgendwann. Ein fatales, ein neugieriges, ein ernüchterndes. Wird sich zeigen.
Und nun, werte Gemeinde, gehe ich einen Schnaps trinken und lege dieses hier vor die Füße der üblichen Blogger, die mit virtuellen Mistgabeln und Feuern gegen das Vibecoding antreten (ich hab‘ euch lieb – und wie oben geschrieben: ich gebe euch ja durchaus Recht).
* Supra, aus dem Lateinischen supra – Vorsilbe, „über“ oder „oberhalb“