Internet ist kaputt, und die Realität auch (Ausgabe 6)
Diese Woche dreht ist's ein bisschen düster – Sorry. Es geht um Fakes und die Atombombe. Mit Links, Buch und einem Video zur Flucht aus der Realität.
Internet ist kaputt' ist mein kleiner Beitrag zur Rebellion gegen die Enshittification des Internets. Hier ist, mit was ich meine Woche verbracht habe: Gelesen, Gesehen, Gehört. Du kannst per Blog, RSS oder Substack folgen.
Diese Woche habe ich beruflich bedingt viel darüber geredet, was die nächsten zwei Jahre im Internet so anliegen wird. Dabei ging es natürlich zwangsläufig um KI und die Frage, wie die Multi-Krise (Krieg, Klima, Wirtschaft), die KI und die damit verbundene Flucht in die Nostalgie zu einem Vertrauensproblem führt.
Ganz zwangsläufig, wenn wir denken, dass früher alles besser war und jeder mit KI einfach Fakes erstellen kann … Wenn wir Bildern genauso wenig wie der Sicherheit und den seit Jahrzehnten geschmiedeten Bündnissen mehr trauen können, erschüttert das uns als Person ebenso wie als Gesellschaft.
Um all das drehen sich dann auch meine Links diese Woche.
Um die Frage: Wie fragil ist eigentlich das alles, was wir für selbstverständlich halten?
Passend dazu kommt dann irgendwie die Nachricht, dass am Donnerstag der New-START-Vertrag auslief. Das letzte Atomwaffenabkommen zwischen den USA und Russland. Und zufällig las ich die letzten Wochen das passende Buch dazu … Hilfe!
Aber das hier soll keine Abschiedsnotiz an die Menschheit sein.
Nicht alles sieht nach Ende aus. Es wird das schon. Irgendwie.
KI ist nicht der Untergang der Menschheit und den Rest können wir Menschen schon irgendwie verdrängen im Alltag. Wichtig bleibt: Neugier, Humor, Empathie und die Bereitschaft, Dinge selbst in die Hand zu nehmen.
Und mit diesen kleinen Dingen im Alltag können wir zumindest uns und unser Umfeld beeinflussen. Beim nächsten nach draussen gehen einfach mal lächeln, "Hallo" sagen, und den blauen Himmel genießen!
Internet ist kaputt' ist mein kleiner Beitrag zur Rebellion gegen die Enshittification des Internets. Hier ist, mit was ich meine Woche verbracht habe: Gelesen, Gesehen, Gehört.
Meine Themen der Woche
KI, Fakes und Atombomben. Diese Woche 3x DIE ZEIT (einfach, weil ich wenig Zeit hatte und sie eben "meine" Zeitung ist…)
1 KI ersetzt dich nicht 🧑🔧
Letzte Woche schrieb ich an dieser Stelle, dass in Zeiten der KI vor allem Generalisten gefragt sind.
DIE ZEIT hat sechs Menschen aus ganz verschiedenen Branchen gefragt – vom Personalvorstand der Deutschen Bahn über eine Pflegekraft bis zur Tischlermeisterin: Wen suchen Unternehmen eigentlich gerade?
Zeigt sich: Die KI automatisiert vieles, aber ersetzt weder Lokführer noch Entscheider. Jenseits körperlicher und handwerklicher Arbeit müssen Arbeitnehmer jedoch früher "handlungsfähig" sein: In der Großkanzlei Freshfields übernimmt die KI die Fleißarbeit, dafür müssen Berufseinsteiger viel früher echte Entscheidungen selbst treffen. Am wichtigsten ist wohl: Niemand sollte Veränderung als Bedrohung empfinden. Das fällt mitunter schwer, aber vor allem in "Schreibtischjobs" ist es elementar.
Wen Unternehmen jetzt suchen (€, im Newsletter als Geschenklink)
2 Die Realität verliert 🎭
Im Decoder-Podcast von The Verge sprechen Nilay Patel und Reporterin Jess Weatherbed über den Versuch, Deepfakes durch Labeling in den Griff zu bekommen – und kommen zu einem ernüchternden Fazit: Es kann nur scheitern. Vor ein paar Wochen hatte Instagram-Chef Adam Mosseri für Aufsehen gesorgt, als er offen sagte, dass wir uns an eine Welt gewöhnen müssten, in der man Bildern (und Videos) grundsätzlich nicht mehr trauen kann. Weil wir in einer Zeit leben, in der selbst das Weiße Haus KI-manipulierte Bilder und AI Slop teilt.
Sprich: Diejenigen, die das Problem lösen sollten, sind Teil davon. Weatherbed bringt es auf den Punkt: Das Labeling-System ist gescheitert, bevor es richtig angefangen hat. Willkommen in der Post-Realität.
Reality is losing the deepfake war (Englisch)
3 Fake News seit 1934 📰
Wer jetzt denkt, Desinformation sei ein Kind des Internets, sollte den ZEIT-Artikel über Campaigns Incorporated lesen: 1933 gründeten Clem Whitaker und Leone Baxter die erste politische Beraterfirma der Weltgeschichte – und machten systematisches Lügen zum Geschäftsmodell. Ihr erstes großes Opfer war der sozialkritische Schriftsteller Upton Sinclair, der 1934 als Demokrat für das Gouverneursamt in Kalifornien kandidierte. Sein Programm – Armutsbekämpfung, kooperative Wirtschaft, progressive Besteuerung – wurde mit einer beispiellosen Hetzkampagne als "Sozialismus" verteufelt. Die Parallelen zu heute sind frappierend: Angst schüren, Lügen wiederholen, den Gegner zum Staatsfeind erklären. Die Werkzeuge haben sich geändert (von der Zeitung zu TikTok), die Mechanismen nicht.
Die Lügenfabrikanten (€, im Newsletter als Geschenklink)
4 Das Ende der Rüstungskontrolle ☢️
Die Nachricht, die mich diese Woche am meisten umgetrieben hat: Am Donnerstag ist der New-START-Vertrag ausgelaufen. Das letzte Abkommen, das die Atomwaffenarsenale der USA und Russlands begrenzte. Nach über einem halben Jahrhundert endet damit die Ära der Rüstungskontrolle.
Während Russland gern noch ein Jahr verlängert hat, verweisen die USA auf die "Sinnlosigkeit" des Abkommens, weil Staaten wie Indien und China nicht dabei sind.
Nachdem die Zahl der Atomsprengköpfe von 70.400 im Jahr 1986 auf rund 12.500 gesunken ist, könnte die Zahl jetzt wieder steigen: alle Seiten modernisieren und rüsten fleißig auf – Russland mit Hyperschallraketen und Nuklear-Torpedos, die USA mit einem 1,5-Billionen-Dollar-Programm. Wenn man bedenkt, dass selbst 1.000 Atombomben "reichen" würden, um alles Säugetier-Leben auszulöschen, wird einem der Wahnsinn bewusst. Matthias Naß nennt das Auslaufen des Vertrags "schlicht kriminell". Schwer, ihm zu widersprechen.
Schlicht kriminell (€, im Newsletter als Geschenklink)
5 Reden wir über die Bombe 💣
Passend dazu las ich im Januar das Buch '72 Minuten bis zur Vernichtung' (siehe unten). Dessen Autorin Annie Jacobsen zieht im Interview nach über zehn Jahren Recherche und Gesprächen ein Fazit: Das Prinzip der Abschreckung ist nichts anderes als ein psychologisches Glücksspiel. Es hat 80 Jahre gehalten – aber das ist keine Garantie, wenn bspw. Nordkorea mit seinen unangekündigten Starts alle anderen Atommächte jedes Mal in Total-Alarm versetzt. Das Buch ist eine Warnung – eine verdammt dringende.
Annie Jacobsen: „Wir müssen mit Kim Jong-un reden"
Diese Woche gelernt
In unserem Haushalt gibt es ein Phänomen: Teelöffel und Kuchengabeln verschwinden hier in massivem Ausmaß. Es ist das Einzige, was ich regelmäßig an Besteck nachkaufe.
Ich habe noch nicht nachgezählt, aber fühle mich durch eine Studie bestätigt, wonach die durchschnittliche Lebenszeit eines kleinen Löffels 81 Tage beträgt. Dann verschwindet er. Das ist kein Witz, sondern das Ergebnis einer wissenschaftlichen Studie im British Medical Journal: Forscher in Australien haben 70 Teelöffel markiert und fünf Monate lang beobachtet (allerdings im Büro, wobei eine WG mit Jugendlichen dem wohl trotzdem sehr nahe kommt). Jedenfalls: 80 Prozent verschwanden. Wohin, weiß bis heute niemand. (The case of the disappearing teaspoons)
Alpakas sind Kamele. 🐪 🤯
Diese Woche im Buch
Passend zu den Themen 4 und 5 las ich – ganz unabhängig von der aktuellen Entwicklung – im Januar '72 Minuten bis zur Vernichtung' von eben jener Annie Jacobsen, die im Interview oben ist.
Das Buch beschreibt minutengenau den Ablauf eines Atomkriegs – vom Abschuss einer nordkoreanischen Rakete bis zum nuklearen Winter. Das alles ist fiktiv, fußt jedoch (inklusive ausufernder Fußnoten) auf freigegebenen Militärdokumenten und Dutzenden Interviews mit Beratern, Entwicklern und Geheimdienstlern.
Jacobsens Buch liest sich wie ein Thriller. Wer A House of Dynamite auf Netflix schon gut fand, wird sich hier verlieren. Denn das Buch läuft nicht nur 52 Minuten weiter als der Film. Es unterfüttert das irre Szenario auch noch mit Fakten. Und am Ende denkt man sich mit jeder weiteren Seite: Wie irre. Wie irre, dass wir als Menschheit so weit gekommen sind und uns dann nicht die Einsicht kommt, das Zeug lieber wieder wegzuschließen, als 12.000 Weltvernichtungswaffen einfach auf der Welt verteilt liegen zu haben.
Im 'Forbes' stand, es sollte Pflichtlektüre für jeden lebenden Menschen sein. Ich würde das unterschreiben – vor allem, bevor wir darüber diskutieren ob Deutschland die Bombe braucht.
Diese Woche in Videos
Passend zum Thema: In arte TWIST geht es um Nostalgie.
Die Sendung folgt nicht nur Menschen, die der Nostalgie nachhängen, sondern auch jenen, die einen kritischen Blick wagen – unter anderem Agnes Arnold-Forster, die in ihrem Buch Nostalgie zeigt, wann Nostalgie gefährlich wird.
Und nochmal arte: Kruder & Dorfmeister – ein Konzertfilm. Beziehungsweise, eigentlich mehr als das. Denn der Film „ist eine Reise nach innen, eine Art flirrender Tauchgang in die Sphären von Dub, Breakbeats und Jazz“, schreibt arte. Ich mag Musik wie Ästhetik. Eine perfekte Pause.
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