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Internet ist kaputt, und das Vertrauen auch (Ausgabe 7)

Diese Woche geht es um das Vertrauen zwischen Leser:innen und Autor:innen in Zeiten der KI. Als Lesetipp gibt es eine Biografie und Spannendes zum Streamen.

Für meinen kleinen Newsletter hier kristallisiert sich ein KI-Schwerpunkt heraus – nicht darum, was es Neues gibt, sondern um die Implikationen auf verschiedene Themen.

Diesmal geht es um Ethik in der Kommunikation und dem Erschaffen von (lesbarer) Kunst.
Ich habe diese Woche diverse Texte in diesem Zusammenhang gelesen und möchte Dich auf meine Reise mitnehmen … Legen wir ohne lange Umschweife los.

Ich verzichte unten auf Gendern; meine aber natürlich Menschen jeden Geschlechts.


'Internet ist kaputt' ist mein kleiner Beitrag zur Rebellion gegen die Enshittification des Internets. Hier ist, womit ich meine Woche verbracht habe: Gelesen, Gesehen, Gehört. Du kannst per BlogRSS oder Substack folgen.


Meine Artikel der Woche

1 | Ist es okay, KI zur Freundschaftspflege einzusetzen?

Anfang der Woche habe ich einen Artikel von Dan Brooks im Atlantic (archive.md-Link) gelesen, in dem er sich fragt, ob es Ordnung ist, KI-Sprachmodelle wie ChatGPT für die persönliche Kommunikation mit Freunden, Familie und Bekannten einzusetzen.

Ich habe dazu eine recht simple Antwort: Nein.
Und auch Brooks kommt zum Ergebnis: Es ist schlechtes Benehmen.
Kontakt zwischen Freunden (und Familie) ist ein Ausdruck des "sich um den anderen Kümmern" – es ist eine Ebene der Fürsorge. Ein Signal, dass ich mir die Mühe gemacht habe, selbst nachzudenken. KI untergräbt genau das, weil sie Texte erzeugt, die den Empfänger mehr Zeit zum Lesen kosten, als den Absender zum Erstellen. Für Brooks ein Ungleichgewicht, das er mit schlechten Umgangsformen vergleicht.

Mir geht es ebenso. Für mich fühlen sich Texte – insbesondere solche, die freundschaftlich und persönlich sind –, für die ich mehr Zeit beim Lesen benötige, als der Autor zum Schreiben, nach einem Betrug an.

2 | Bitte lass die Finger von KI, wenn…

Ähnlich wie Brooks und mir geht es Simon Berlin und Martin Fehrensen.
Die beiden greifen Brooks Artikel auf und formulieren fünf Punkte einer KI-Etikette: Kein KI für: Kommunikation mit Freunden, Kollegen und Menschen, die nicht eingewilligt haben, KI-Inhalte zu bekommen. Keine KI um Denken zu ersetzen, oder Fakten zu checken.

Finde ich allesamt gut & habe meine Gedanken dazu einmal hier aufgeschrieben (Sorry für die Selbstreferenz, aber hey, ist mein Newsletter hier…).

3 | Bücher von der KI

Um auf das Gefühl des Betrogen-Werdens aus dem 1. Link zurückzukommen: Nicht nur in der Kommunikation, sondern auch in der Kunst wird derzeit die Frage erörtert, wieviel Handgemachtes eigentlich noch in einem Werk stecken muss, damit es kein Betrug am Rezipienten ist.

In der Musik führte man die Diskussion bereits mit der Einführung der Drum Machine oder von Autotune. KI-Musik ist ein riesiges Problem, das primär Plattformen und Radiosender freut – weil sie einem Computer keine GEMA-Gebühr zahlen müssen.

Nun kommt die Diskussion auch im Bereich Buch an: in "The new Fabio is Claude" (Geschenklink, deutsche Zusammenfassung bei T3N) schreibt Alexandra Alter über einen "Trend" im Romance-Genre: KI-generierte Romane.
Innerhalb von 45 Minuten, schreibt sie, erstelle eine Autorin mittlerweile mithilfe von KI einen ganzen Roman – Ick-Liste und Namen hochladen, fertig.

Klingt für mich nach Betrug am Leser. Bedeutet aber im Umkehrschluss: Autoren sind gut darin beraten, ein Vertrauensverhältnis zu Lesern aufzubauen. Die Dokumentation des Entstehens wird mindestens so wichtig, wie das (gute) Ergebnis zwischen den Buchdeckeln.

4 | Journalismus von der KI

Natürlich sickert KI nicht nur in die Musik- und Buch-Branche.
In einem Experiment hat Ella Markianos in 20 Stunden mithilfe des LLM Claude eine Journalistin gebaut. Die sollte eine Rubrik schreiben, in der Nachrichtenthemen zusammengefasst und relevante Online-Kommentare gesammelt werden.

Das Ergebnis: "Claudella" (wie Markianos den Bot taufte) schrieb zu ausführlich und zu ernst.
Ich würde behaupten, das ist ein Trainingsproblem.
Viel größer wiegt das Problem, dass der Claudella ab und zu halluzinierte oder Quellen fand, die den Punkt im Text nicht untermauerten.

Markianos Ergebnis: Detaillierte Anweisungen verbessern das Ergebnisse, zu viele Instruktionen indes machten den Bot erratisch und verwirrten ihn.
Das sind alles keine überraschenden Ergebnisse. Wenn man selbst einmal damit experimentiert, kommt man rasch zu ähnlichen Erkenntnissen. Ich lasse mir beispielsweise regelmäßig von Claude eine Version meines täglichen Newsletters schreiben – und merke immer: es gibt einen gewissen Sweetspot für die Bots. Will man knapp verkürzte Zusammenfassungen, scheitern sie oft – entweder stimmen Fakten nicht, oder der Stil wird mehr zu Stichworten als einem Text.

Größer als die technischen Implikationen, betont Markianos aber zurecht, sind die ethischen.
Dabei geht es vor allem um die Transparenz gegenüber dem Leser. Aber auch um den Wert menschlicher Arbeit: Selbst wenn KI nach dem Leser-Maßstab „gut genug" wäre, hat das eigene Denken und Schreiben für Autoren doch vor allem auch einen intrinsischen Wert, der über reine Produktivität hinausgeht. Sollte das Lesern nicht auch etwas wert sein (mir persönlich ist es das auf jeden Fall – siehe oben)?

5 | Kunst, Geld und KI

Schon im Dezember schrieb Hugh Howey seine Sicht auf die Zukunft des Bücherschreibens und Lesens.
Howey skizziert, dass junge Leser auf sie zugeschnittene Geschichten lesen werden – Bücher, die nur für eine einzelne Person erzeugt werden und die sonst niemand je lesen wird.

Ich sehe das schon heute passieren.
In meinem Familienkreis gibt es bereits Menschen, die sich von KI-Bots Kurzgeschichten schreiben lassen –nicht, um sie zu veröffentlichen, sondern um sie zu lesen.

Aber das hat natürlich Auswirkungen auf die Ökonomie des Autoren-Daseins. Auf der einen Seite haben wir Autoren, die mit KI in Null-Komma-Nix 200 Bücher erstellen. Auf der anderen Seite Leser, denen KI-Geschichten "reichen". Und dazwischen jene Autoren, die versuchen, mit handwerklichem Schreiben Geld zu verdienen.

Mit KI wird am Ende ja nicht nur das Schreiben zugänglicher, sondern auch das Lesen. Denn ich kann mir meine Geschichte in "einfachem Deutsch" erstellen lassen, oder eben auf einen handwerklich komplexer arbeitenden Autoren zurückgreifen.

Vom Schreiben leben zu können – ähnlich, wie von der Musik – wird indes wohl schwieriger; zumindest für jene Autoren, die auf "Masse" setzen.

Diese Woche gelernt

Francesco Petrarca (1304–1374) war Dichter & Gelehrter – und der Mensch, dem die Erfindung des 'zweckfreien Wanderns' zugeschrieben wird. Einfach, weil er am 26. April 1336 gemeinsam mit seinem Bruder den 1.912 Meter hohen Mont Ventoux in der Provence aus purem Vergnügen erklomm.

Diese Woche im Buch

Aktuell lese ich die Biografie von Jan Ullrich. Aktuell bin ich bei der Hälfte – kurz vor dem ersten Doping – und bin gespannt. Ich habe die Amazon-Doku geschaut, in der er ebenfalls über das Doping spricht und das Kapitel abschließt. In seinem Buch leuchtet er mit der Taschenlampe in einige Aspekte seines Lebens und erleichtert es, ihn zu verstehen. Er bittet dabei nie um Mitleid, aber ich empfand Ullrich immer als jemanden, der zwar weiß, was er kann, aber unheimlich sensibel auf Druck, Stress und Änderungen reagiert. Das zeigt auch sein Buch ganz deutlich.

Ullrich gestaltet das Buch relativ amerikanisch – jedes Kapitel schließt mit einer Zusammenfassung, einem "Was ich daraus gelernt habe" und einer "Kachel" mit zwei zentralen Sätzen ab. Das ist mir ein bisschen sehr "Coach Kevin"-Vibe und scheint fast so, als hätte es Ullrich für den US-Markt geschrieben. Wen die Figur Ullrich – nach wie vor der einzige deutsche Tour de France-Sieger – interessiert, findet in dem Buch trotzdem Interessantes.

Diese Woche gesehen

Star Trek: Starfleet Academy (bei Paramount+) ist für mich seit sehr langer Zeit die erste Trek-Live-Serie, deren Episoden ich direkt nach dem Sehen nochmal anschauen will. Das hat seit 2003 keine Live-Serie mehr geschafft. Irgendwie macht die mir Freude.

Weniger Spaß, umso mehr Spannung, finde ich derzeit bei True Detectives Staffel 4 (bei HBO). Ein bisschen Krimi, volle Akte X-Vibes und Jodie Foster. Bin gespannt, ob die Auflösung gut werden kann…

Weniger Spannung, dafür passend zu Jan Ullrich oben, hält die Dokumentation 'Cape to Cape' über Jonas Deichmann bereit. Sie dokumentiert seine Fahrradreise vom Nordkap nach Kapstadt. 18.000 Kilometer legte er in 72 Tagen zurück. Ich habe schon bessere Dokumentationen gesehen, aber die Leistung ist sagenhaft – das perfekte Ding, während man (wie ich regelmäßig) eine Stunde auf dem Indoor-Rad Intervalle wegradelt. Jetzt kostenlos auf YouTube.

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