Vorgestern Abend bin ich in den Wald geflohen.
Auf dem Fahrrad. Mit dem Zelt.
Weil ich den Medien und dem Hin sowie Her um diese kranke AfD Wahl entkommen wollte.
Und dann bin ich dummerweise – weil ich nunmal im Südosten von Sachsen-Anhalt wohne – durch Sachsen-Anhalt geradelt. Und meine miese Laune ist nur noch schlimmer geworden. Denn zwischen all den strahlenden Häusern, auf den frisch geteerten Straßen mit nagelneuen Autos und zwischen den Plakaten die Dorffeste verkündeten, da hingen noch die ganzen Plakate. Die, die versprechen: „Alles ist möglich“. Die, die betonen jeder solle heizen dürfen, wie er will. Die, die verkünden man müsse Migranten ab Minute Eins abschieben. Die, die erklären, man wolle die besten Schulen der Welt, ein Land ohne Illegale und steuerfreie Rente haben. Die, die sagen, Ulrich Siegmund werde „das Land retten“ (vor wem?) und „stark machen“ (gegen wen?). Und immer wieder dazwischen verkünden in Dörfern handgeschriebene Banner von Initiativen, dass man hier keine Windräder, Industriegebiete oder Wasserstoffkraftwerke wolle.
Und ich fragte mich – während ich so durch die Gegend radle –: Vor was hat Sachsen-Anhalt eigentlich Angst?
Offenbar konnten sich die Menschen hervorragend darauf einigen gegen was sie sind: Grüne, Linke, Woke, Illegale. Windkrafträder. „Die da oben“.
Aber für was sind sie eigentlich?
Und dann strample ich so und merke, dass mich das unheimlich Kraft kostet.
Nicht körperlich, denn ich fahre ja nicht zum ersten Mal Fahrrad. Sondern mental. Wie es mir die Laune, das Verständnis und die Kraft aus dem Kopf saugt.
Wie ich jedem Plakat, jeder Deutschlandfahne am Wegesrand, jeder Simson und irgendwann jedem Menschen, der mir entgegenkommt, innerlich „Scheiss Faschist!“ entgegenrufe.
Wie ich platzen will.
Nur noch schreien.
Fliehen. Vor denen.
Den 55 % in meinem Wahlkreis.
Den 43 % in Sachsen-Anhalt.
Aber irgendwie, denke ich dann, ist das ja auch keine Lösung.
Denen den Platz überlassen?
… (einfach weiter strampeln)
Ich bin doch auch frustriert.
Wie bei Nico kommentiert, heute Morgen. Und trotzdem könnte ich nie Faschisten wählen.
Und dann fragt sich Nico – und ich schon seit Monaten ebenso –: Wieso aber denn andere? „Das antifaschistische Gen scheint ja den Menschen zunehmend abhanden gekommen zu sein” …
Ich glaube, es ist Komplexität. Faschismus ist so schön einfach. Einfach gegen etwas sein reicht, um sich darin zu vereinen.
Alles, was Lösungen braucht – für etwas zu sein – braucht Anstrengung: Ideen um Probleme in einer immer komplexer werdenden Welt anzugehen.
Das hat nichts mit Dummheit zu tun.
Auch, wenn ich allen Mitmenschen hier im Dorf immer „Faschist. Idiot. Arschloch.“ zuschreien will.
Ich glaube, es hat etwas mit Überforderung und Machtlosigkeit zu tun.
Und klar. Sachsen-Anhalt war sowieso schon immer speziell. DVU und NPD waren hier schon vor der AfD stark.
… (einfach weiter strampeln)
Was man dagegen tun kann?
Alles daran setzen, wieder Vertrauen aufzubauen, glaube ich. Von Seiten der Politik.
Das schafft man nicht, indem man (wie Merz) erklärt, es gäbe Menschen, die nicht verstehen könnten oder wöllten. Das macht man nicht, indem man Linke in die gleiche Ecke stellt wie Faschisten. Indem man permanent erklärt, wie schlecht es Deutschland gehe. Oder wie faul alle seien. Das macht man auch nicht, indem man Ausländer pauschal zum Problem erklärt und gegen queere Menschen hetzt. Oder Jens Spahn dauernd irgendwo neu anfangen lässt.
Das schafft man gegebenenfalls mit Investitionen in Bildung, die man seit 25 Jahren verspricht. Durch die Anerkennung und Repräsentanz ostdeutscher Geschichte – auch, wenn die AfD schon lange kein ostdeutsches Problem mehr ist. Durch die Akzeptanz von Menschen, statt ihrer Ausgrenzung. Durch zuhören. Reden. Akzeptanz statt Ignoranz. Wie schrieb Nico (im obig verlinkten Text) so schön: Friedrich Merz sagt, nach dem Wahlergebnis könne man nicht zur Tagesordnung übergehen – und geht dann zur Tagesordnung über. Ignoranz.
Die Frage, die ich mir – spätestens seit die CDU die Grünen zum neuen Feindbild erhoben hat – immer wieder stelle: Statt uns darauf zu einigen GEGEN was wir sind, können wir uns vielleicht mal etwas suchen FÜR das wir sind?
Sowas einfaches wie FÜR eine lebenswerte Zukunft zu sein – ohne Hass, Klimakatastrophe und sozialer Armut wäre ja mal ein Anfang.
Und dann könnte man schauen, wie man da POSITIV gestaltet, statt NEGATIV abwickelt.
… (irgendwo im Wald angekommen)
Aber das ist halt nur so ein Gedanke, während ich frustriert durch Sachsen-Anhalt radle und mich, im Zelt liegend in tiefer Nacht im Wald, frage: Was eigentlich nun?
2 Kommentare
Was für ein großartiger Artikel, Thomas! Jetzt könnten sich viele Menschen darin ergießen, ob das wirklich alles Nazis sind, die die Partei gewählt haben. Das mache ich aber nicht mehr mit. Stattdessen halte ich deinen Ansatz für zielführend, einfach mal FÜR etwas zu sein und die ganze Situation wieder positiv zu besetzen.
#Ich drücke euch in Sachsen-Anhalt die Daumen, dass es nicht so schlimm kommt wie gedacht.
Ja.
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