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"Ostdeutsch" reclaimen

Ostdeutsch, wohnhaft in Sachsen-Anhalt und nicht AfD-Wähler.

Luna Möbius meint, man müsse das "Ostdeutsch" reclaimen.
Damit "Ostdeutsch" nicht gleichbedeutend mit "AfD-Wähler" sei.

Ich weiß nicht, ob ich Lust darauf habe.
Denn Möbius sagt im Interview mit der ZEIT (Geschenklink) auch: „Aber ich verstehe, warum die Menschen in meiner Heimat AfD wählen […] die blühenden Landschaften sind nicht gekommen, und die Leute fühlen sich von der Politik verarscht“.

Nein, Frau Möbius. Da muss ich widersprechen.
Die Landschaften blühen. Deutlich bunter und besser als im Ruhrgebiet – um mal ein Beispiel zu nennen. Wer in Sachsen-Anhalt mit einem der niedrigsten Ausländeranteile gegen Staatsfunk, Ausländer und 'die da oben' wettert, während vor dem frisch sanierten Haus auf der neu gemachten Straße zwei Kompakt-SUVs für Mama und Papa parken, der hat keinen Grund Faschisten zu wählen. Der denkt einfach ziemlichen Quark, wenn er der AfD nachplappert, dass die heutigen Linken im Dritten Reich die besten Freunde der Nazis gewesen wären, weil das ja "Sozialisten" waren.

Ich gehe mit, wenn Frau Möbius behauptet, dass sich Ostdeutsche "nicht gesehen" fühlen.
Wenn ihnen – wie mir auch – aufstößt, dass Journalisten aus westdeutschen Regionen aller vier Jahre mal den Zoo 'Ostdeutschland' besuchen, feststellen, dass alle Faschisten sind und nach der Wahl "Haben wir doch gesagt" rufen und wieder abreißen. Dass sie – wie ich – sich veräppelt vorkommen, wenn ein Kanzler Friedrich Merz sagt, man müsse den Ossis mehr erklären – aber er mache das ja gern.

Die AfD spielt mit Ängsten. Sie tut so, als wäre sie im Osten Zuhause. Simson fahren, Bier trinken und mit der Dorfjugend feiern. Die SPD im Ruhrpott hat früher mit den Kumpels in der Kneipe gesessen. Die CSU am Sonntag beim Frühschoppen bei den Landwirten. Die Themen waren da die gleichen wie heute, nur waren damals eben Antifaschisten da, um es abzufangen … Den "Altparteien" ist es nie gelungen, die Strukturen im Osten aufzubauen. Die AfD füllt da eine Lücke.
Die größte Angst in Ostdeutschland ist eine, die subtil in der Gesellschaft vererbt wurde: erst haben die Russen uns alles weggenommen, dann die Westdeutschen. Und jetzt ist's die Angst, dass "der Ausländer" der nächste ist, bevor man selbst das Glück genießen kann.

Das Ostdeutsche solle man reclaimen.
Ich frag' mich nur: Was ist denn "ostdeutsch"?
Ich bin Thüringer. Antifaschist. Grüner.

Wieso Ostdeutsche eine gesichert rechtsextreme Partei wählen, deren dringlichster Wunsch ist, die Vierte Gewalt abzuschaffen, Ausländer abzuschieben (die man hier in Sachsen-Anhalt nur sieht, wenn sie einem das Amazon-Paket oder die Pizza überreichen) und Regenbögen an Schulen zu verbieten bleibt mir verborgen. Dafür habe ich – im Gegensatz zu Frau Möbius – kein Verständnis. Der Ossi ist enttäuscht von CDU und SPD. Und sucht sich jetzt ausgerechnet Faschos, damit die gegen das Establishment sind, statt selbst einmal die politischen Zügel in die Hand zu nehmen. Weil das Verständnis für politische Arbeit fehlt. Weil jeder wieder Volksfeste und Sicherheit will, aber niemand Lust hat sich zu kümmern. Da füllt die AfD eine Lücke.

Nicht jeder AfD-Wähler ist Faschist.
Aber jeder Faschist ist AfD-Wähler. Und das sollte eigentlich Grund genug sein, gegen die AfD zu sein.
Bis zur Wahl wird das leider nicht mehr als Erkenntnis einsickern. Weil man überfordert ist, keine Lust hat, es denen da oben mal zeigen will, die AfD es halt mal probieren soll, man keine Lust mehr hat, … die Gründe sind manigfaltig. Die Auswirkung wird katastrophal. Im besten Fall wird Sachsen-Anhalt sehr lange keine handlungsfähige Regierung haben und 40 % wütende Bürger, im schlimmsten Fall kommen Faschisten an die Macht, die krachend scheitern und die Schuld dem Bundestag in Berlin geben werden, um die Demokratie und das Vertrauen weiter auszuhöhlen.

Ostdeutsch reclaimen? Egal. Der Zug ist abgefahren.
Abgesehen davon wollte noch nie als "Ostdeutscher" betitelt werden. Ich habe auch noch niemanden als "Wessi" bezeichnet.
Ging mir schon als 12-jähriger kurz nach Wende auf den Keks.

Ich bin Thüringer. Europäer. Antifaschist. Faktenmensch.
Ich will "Ostdeutsch" nicht claimen. Ich will, dass Ostdeutschland endlich mal aufwacht.
Zwangsurlaub für alle Sachsen-Anhaltiner in Dortmund, Essen und Solingen. Als Realitätscheck, wie gut es euch hier geht. TikTok-Verbot für alle mit dem Namen Thomas, Stefanie und Mandy. Mehr ostdeutsche Erfolgsgeschichten.

Ich weiß übrigens überhaupt nichts. Vor allem nicht, wie man Faschisten wählen kann.
Ostdeutsch reclaimen? Dafür müsste ich mich erstmal nicht mehr schämen für Faschistenwähler.

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Kommentare

  • Vielleicht sollte man aber zuvorderst mal die Leute mit Ideen voranbringen. Irgendwie vermisse ich Ideen bei den Parteien. Der Osten hat ein strukturelles Problem, das heißt Niedriglohnsektor in voller Blüte. Rund um Leipzig hast du nur Billiglohn. Und das auch nur, solange viel gefördert wird. Es gibt keine echte Industrie (vielleicht ist das auch das falsche Jahrhundert) und eigentlich komme ich mir hier vor wie in einem schön sanierten Museum. Alles Museum. Und immer, egal wie, die Forderung nach "weiter so". Und jetzt eben diese komischen "Alternativen". Den potenziellen Wählern zu zeigen, dass die schlecht sind, bringt nix. Das ist wie Fleischesser vom Vegetarismus zu überzeugen. Da könntest du 100 werden und gesund bleiben, und die sind mit Mitte 30 schon krank: wäre ihnen egal. (Im übertragenen Sinne). Aber wenn man Ideen hätte (ich hab keine) wie man hier aus Neuseenland und sonstwelchen Tagebaufolgegebieten eine lohnenswerte Gegend macht, dann glaube ich, würden die wieder daran glauben.
    Und vor allem mal: Social Media "reclaimen". Das ist, mit fremder Hilfe, festens in blau/ preußischroten Händen. Was da für Quark rauskommt, da hilft alles Dagegenanargumentieren nicht...

  • Ideen will hier doch niemand. Ist nun nicht so, als wären keine da. Aber man schaue sich um: Windkraft böse, Sonnenkraft böse, Tourismus böse (schau mal in die Kommentarspalten zum Thema "Neues Restaurant auf dem Brocken"), … Wirtschaft auch böse, weil Lumpenpack. Euro ist auch böse, obwohl Deutschland als Exportnation am meisten profitiert. Zielgerichtete Wirtschaftspolitik wäre etwas – aber die erwähnt bspw. die AfD mit keinem einzigen Wort in ihrem "Sofortprogramm".

    Natürlich verdient der Osten weniger. Eben weil Industrie fehlt und wir primär als Dienstleister dastehen.
    Gerade Leipzig zu nehmen als Beispiel ist fast falsch. Trotzdem verhindert das nicht, dass es den Leuten hier wie beschrieben am Ende ebenso gut geht wie jenen in manch anderen westlichen Gegenden. Die Probleme sind keine anderen. Der Unterschied ist das gekränkte Ego. Wie geschrieben: Niemand geht es schlechter als es ihm heute in der DDR gehen würde.

    Lohnvergleich Ost/West

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