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· 4 min. Lesezeit

„Ostdeutsch“ reclaimen

Luna Möbius meint, man müsse das "Ostdeutsch" reclaimen. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich darauf Lust habe …

Ostdeutsch, wohnhaft in Sachsen-Anhalt und nicht AfD-Wähler.

Luna Möbius meint, man müsse das „Ostdeutsch“ reclaimen.
Damit „Ostdeutsch“ nicht gleichbedeutend mit „AfD-Wähler“ sei.

Ich weiß nicht, ob ich Lust darauf habe.
Denn Möbius sagt im Interview mit der ZEIT (Geschenklink) auch: „Aber ich verstehe, warum die Menschen in meiner Heimat AfD wählen […] die blühenden Landschaften sind nicht gekommen, und die Leute fühlen sich von der Politik verarscht“.

Nein, Frau Möbius. Da muss ich widersprechen.
Die Landschaften blühen. Deutlich bunter und besser als im Ruhrgebiet – um mal ein Beispiel zu nennen. Wer in Sachsen-Anhalt mit einem der niedrigsten Ausländeranteile gegen Staatsfunk, Ausländer und ‚die da oben‘ wettert, während vor dem frisch sanierten Haus auf der neu gemachten Straße zwei Kompakt-SUVs für Mama und Papa parken, der hat keinen Grund Faschisten zu wählen. Der denkt einfach ziemlichen Quark, wenn er der AfD nachplappert, dass die heutigen Linken im Dritten Reich die besten Freunde der Nazis gewesen wären, weil das ja „Sozialisten“ waren.

Ich gehe mit, wenn Frau Möbius behauptet, dass sich Ostdeutsche „nicht gesehen“ fühlen.
Wenn ihnen – wie mir auch – aufstößt, dass Journalisten aus westdeutschen Regionen aller vier Jahre mal den Zoo ‚Ostdeutschland‘ besuchen, feststellen, dass alle Faschisten sind und nach der Wahl „Haben wir doch gesagt“ rufen und wieder abreißen. Dass sie – wie ich – sich veräppelt vorkommen, wenn ein Kanzler Friedrich Merz sagt, man müsse den Ossis mehr erklären – aber er mache das ja gern.

Die AfD spielt mit Ängsten. Sie tut so, als wäre sie im Osten Zuhause. Simson fahren, Bier trinken und mit der Dorfjugend feiern. Die SPD im Ruhrpott hat früher mit den Kumpels in der Kneipe gesessen. Die CSU am Sonntag beim Frühschoppen bei den Landwirten. Die Themen waren da die gleichen wie heute, nur waren damals eben Antifaschisten da, um es abzufangen … Den „Altparteien“ ist es nie gelungen, die Strukturen im Osten aufzubauen. Die AfD füllt da eine Lücke.
Die größte Angst in Ostdeutschland ist eine, die subtil in der Gesellschaft vererbt wurde: erst haben die Russen uns alles weggenommen, dann die Westdeutschen. Und jetzt ist‘s die Angst, dass „der Ausländer“ der nächste ist, bevor man selbst das Glück genießen kann.

Das Ostdeutsche solle man reclaimen.
Ich frag‘ mich nur: Was ist denn „ostdeutsch“?
Ich bin Thüringer. Antifaschist. Grüner.

Wieso Ostdeutsche eine gesichert rechtsextreme Partei wählen, deren dringlichster Wunsch ist, die Vierte Gewalt abzuschaffen, Ausländer abzuschieben (die man hier in Sachsen-Anhalt nur sieht, wenn sie einem das Amazon-Paket oder die Pizza überreichen) und Regenbögen an Schulen zu verbieten bleibt mir verborgen. Dafür habe ich – im Gegensatz zu Frau Möbius – kein Verständnis. Der Ossi ist enttäuscht von CDU und SPD. Und sucht sich jetzt ausgerechnet Faschos, damit die gegen das Establishment sind, statt selbst einmal die politischen Zügel in die Hand zu nehmen. Weil das Verständnis für politische Arbeit fehlt. Weil jeder wieder Volksfeste und Sicherheit will, aber niemand Lust hat sich zu kümmern. Da füllt die AfD eine Lücke.

Nicht jeder AfD-Wähler ist Faschist.
Aber jeder Faschist ist AfD-Wähler. Und das sollte eigentlich Grund genug sein, gegen die AfD zu sein.
Bis zur Wahl wird das leider nicht mehr als Erkenntnis einsickern. Weil man überfordert ist, keine Lust hat, es denen da oben mal zeigen will, die AfD es halt mal probieren soll, man keine Lust mehr hat, … die Gründe sind manigfaltig. Die Auswirkung wird katastrophal. Im besten Fall wird Sachsen-Anhalt sehr lange keine handlungsfähige Regierung haben und 40 % wütende Bürger, im schlimmsten Fall kommen Faschisten an die Macht, die krachend scheitern und die Schuld dem Bundestag in Berlin geben werden, um die Demokratie und das Vertrauen weiter auszuhöhlen.

Ostdeutsch reclaimen? Egal. Der Zug ist abgefahren.
Abgesehen davon wollte noch nie als „Ostdeutscher“ betitelt werden. Ich habe auch noch niemanden als „Wessi“ bezeichnet.
Ging mir schon als 12-jähriger kurz nach Wende auf den Keks.

Ich bin Thüringer. Europäer. Antifaschist. Faktenmensch.
Ich will „Ostdeutsch“ nicht claimen. Ich will, dass Ostdeutschland endlich mal aufwacht.
Zwangsurlaub für alle Sachsen-Anhaltiner in Dortmund, Essen und Solingen. Als Realitätscheck, wie gut es euch hier geht. TikTok-Verbot für alle mit dem Namen Thomas, Stefanie und Mandy. Mehr ostdeutsche Erfolgsgeschichten.

Ich weiß übrigens überhaupt nichts. Vor allem nicht, wie man Faschisten wählen kann.
Ostdeutsch reclaimen? Dafür müsste ich mich erstmal nicht mehr schämen für Faschistenwähler.

8 Kommentare

  • Baltasar – 13.07.2026, 20 Uhr

    Vielleicht sollte man aber zuvorderst mal die Leute mit Ideen voranbringen. Irgendwie vermisse ich Ideen bei den Parteien. Der Osten hat ein strukturelles Problem, das heißt Niedriglohnsektor in voller Blüte. Rund um Leipzig hast du nur Billiglohn. Und das auch nur, solange viel gefördert wird. Es gibt keine echte Industrie (vielleicht ist das auch das falsche Jahrhundert) und eigentlich komme ich mir hier vor wie in einem schön sanierten Museum. Alles Museum. Und immer, egal wie, die Forderung nach "weiter so". Und jetzt eben diese komischen "Alternativen". Den potenziellen Wählern zu zeigen, dass die schlecht sind, bringt nix. Das ist wie Fleischesser vom Vegetarismus zu überzeugen. Da könntest du 100 werden und gesund bleiben, und die sind mit Mitte 30 schon krank: wäre ihnen egal. (Im übertragenen Sinne). Aber wenn man Ideen hätte (ich hab keine) wie man hier aus Neuseenland und sonstwelchen Tagebaufolgegebieten eine lohnenswerte Gegend macht, dann glaube ich, würden die wieder daran glauben.
    Und vor allem mal: Social Media "reclaimen". Das ist, mit fremder Hilfe, festens in blau/ preußischroten Händen. Was da für Quark rauskommt, da hilft alles Dagegenanargumentieren nicht...

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    • Thomas Gigold – 13.07.2026, 21 Uhr

      Ideen will hier doch niemand. Ist nun nicht so, als wären keine da. Aber man schaue sich um: Windkraft böse, Sonnenkraft böse, Tourismus böse (schau mal in die Kommentarspalten zum Thema "Neues Restaurant auf dem Brocken"), … Wirtschaft auch böse, weil Lumpenpack. Euro ist auch böse, obwohl Deutschland als Exportnation am meisten profitiert. Zielgerichtete Wirtschaftspolitik wäre etwas – aber die erwähnt bspw. die AfD mit keinem einzigen Wort in ihrem "Sofortprogramm".

      Natürlich verdient der Osten weniger. Eben weil Industrie fehlt und wir primär als Dienstleister dastehen.
      Gerade Leipzig zu nehmen als Beispiel ist fast falsch. Trotzdem verhindert das nicht, dass es den Leuten hier wie beschrieben am Ende ebenso gut geht wie jenen in manch anderen westlichen Gegenden. Die Probleme sind keine anderen. Der Unterschied ist das gekränkte Ego. Wie geschrieben: Niemand geht es schlechter als es ihm heute in der DDR gehen würde.

      Lohnvergleich Ost/West

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  • Baltasar – 14.07.2026, 04 Uhr

    Das mit den Ideen stimmt schon, liegt mit großer Wahrscheinlichkeit auch an der Bevölkerungsstruktur, die ist im Vergleich zum Westen ungleich ungünstiger für Veränderungen.
    Nur bleibt die Frage nach den Ideen. Die ersten Plakate in Sachsen-Anhalt, die ich gesehen habe, haben keine Ideen gezeigt, und auch manch Politiker war immer so auf dem Trip: lieber beim alten bleiben, nur nix Neues. "Was haben Sie denn eigentlich immer gegen unsere Partei?" war ein O-Ton. Da schäme ich mich dafür, dass das ein Demokrat war.

    Wenn man schon die Demokratie verteidigen will (und man muss es): dann sollte man nicht immer die AfD groß machen, in dem man über deren heiße Luft quatscht, sondern Konzepte und Ideen anbringen, diskutieren. Wenn darüber gesprochen wird, verschiebt sich vielleicht doch was. Da ist das Vorbild Schleswig-Holstein, was mir Mut macht. Da macht der Ministerpräsident das anders (so habe ich gelesen) und hat deren Anteil verkleinert.

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  • Franziska – 14.07.2026, 17 Uhr

    Ich bin auch im Osten geboren, doch dann haben wir kurz vor der Wende rübergemacht, per Ausreiseantrag. Im Westen war ich der Ossi. Eine Berlinerin im Dorf in Norddeutschland. Richtig dazugehörig habe ich mich nie gefühlt. Zum Studieren bin ich nach Berlin gegangen. Da war ich dann die Westdeutsche, die nach Berlin kommt. Und als ich dann ins Rheinland zog, war ich die Berlinerin im Rheinland. Jetzt wohne ich länger in Düsseldorf als in irgendeiner anderen Stadt zuvor. Bin ich deshalb Rheinländerin?
    Viele Jahre habe ich meine ostdeutsche Herkunft verschwiegen. Jetzt erwähne ich sie bewusster. Weil ich mir tief im Herzen wünsche, dass wir wirklich keinen Unterschied mehr machen. Ja, es braucht mehr Erfolgsgeschichten in Wirtschaft, Gesellschaft, Politik. Denn wenn ich auf andere Ostdeutsche treffe, erlebe ich herzliche Menschen, ausgestattet mit einer gehörigen Portion Resilienz.
    Ich will nicht über die AfD sprechen, sondern über das, was daneben oft untergeht. Ja, viele Ostdeutsche fühlen sich nicht gesehen. Und ich halte das wirklich für einen guten Ansatz: sichtbar machen, was ostdeutsch ist, wie vielfältig ostdeutsch ist – und nicht immer nur über die AfD-Wähler sprechen.

    Und den Zwangsurlaub für alle Sachsen-Anhaltiner ins Ruhrgebiet finde ich tatsächlich eine ziemlich charmante Idee. Aus eigener Erfahrung als Wahl-Rheinländerin: Der Realitätscheck täte manchem gut.

    (Ist ja fast nen ganzer Blogtext geworden)

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  • Anderer Max – 15.07.2026, 08 Uhr

    Viele Ostdeutsche fühlen sich nicht gesehen ...
    Aber Westdeutsche wohl? Das Narrativ ist so ... falsch.
    Alle leiden unter Turbokapitalismus. Das ist keine Frage von ost-west, mann-frau, dorf-stadt oder alt-jung.

    Das ist eine Verteilungsfrage, es geht immer um arm-reich.

    Wir sind alle Menschen. Für uns sind Konzepte wie "unendliches Wachstum" eigentlich inhärent unglaubwürdig, doch bei unserem politischen System nehmen wir das einfach a priori hin. Warum?

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  • Kalle – 15.07.2026, 10 Uhr

    Ein Teil des Problems dürfte auch in der Demographie liegen. In Sachsen-Anhalt ist zum Beispiel seit der Wende die Einwohnerzahl von 2,9 Millionen auf 2,1 Millionen gesunken. Weil viele Frauen in den Westen gegangen sind, weil viele gut ausgebildete den gleichen Weg gegangen sind. Dadurch entziehst du den demokratischen Parteien viele mögliche Stimmen. Zurück bleiben verhältnismäßig viele, die Sündenböcke für ihre eigenen vermurksten Zukunftschancen suchen. Und hier kann die AFD abgrasen.

    Alternativ könnte man aber auch böse behaupten, dass die aus dem Osten alle eher stramm rechts denken und deshalb durch die, die "rüber gemacht" haben, auch im Westen die AFD stark gemacht wird. Inklusive der treuen AFD-Fans aus dem Spektrum der Russlanddeutschen und Aussiedler.

    Es gab schon Zeiten, da hat mir Politik mehr Spaß gemacht.

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  • Katja – 16.07.2026, 07 Uhr

    Meine spontanen Gedanken dazu:

    Ich bin ostdeutsch. Und habe meine Heimat direkt nach dem Abi verlassen, weil die Prignitz für mich keine Perspektive bot. Nach dem Studium in Leipzig hat es mich nach Hessen, ins Ausland und NRW verschlagen. Meine ostdeutsche Herkunft hat eigentlich niemanden interessiert, aber lustigerweise waren es oft andere Menschen mit einem ähnlichen Lebensweg, mit denen ich mich besonders gut verstanden habe.

    Und genau das ist für mich auch ein Teil des Ostdeutsch-Seins: weg gehen, neu anfangen, sich etwas aufbauen und weiterziehen, wenn die Perspektiven an anderen Orten interessanter sind. Auch die Fähigkeit, mit Umbrüchen umzugehen, ist für mich eine immense Stärke. Und ich bin überzeugt, dass die Wende- und Nachwendeerfahrung dafür prägend waren.

    Ich frage mich auch oft, wie der Blick auf „Ostdeutschland“ wohl aussähe, wenn man nicht nur auf die schaute, die geblieben sind, sondern auch auf die, die weggegangen sind, was gerade in ländlichen Regionen ja die Regel ist. Es wäre ganz sicher ein anderes.

    Davon abgesehen fühle ich mich als zurückgekehrte Prignitzerin kulturell verbundener zu Ammerländern als zu Vogtländern (no offense). Ostdeutsch als Kategorie ist allein deshalb natürlich schon Unsinn, weil regionale Unterschiede viel stärker greifen.

    Und trotzdem: Ich glaube, dass viele Menschen mit Wende- und Nachwendeerfahrung Fähigkeiten haben, die in den nächsten Jahren besonders wichtig sind. Aber dafür müssten wir gerade diese Geschichten und Erfahrungen endlich sichtbarer machen.

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  • Mesalunita – 16.07.2026, 08 Uhr

    Ich bin auch Ostdeutsche, wie es hier so schön heißt. Ebenfalls aus Sachsen-Anhalt und hab es selbst schon, hier im Web miterlebt, dass ich dadurch als klassischer Afd Wähler eingestuft werde. Da brauche ich noch nicht mal was gesagt haben. Alleine die Herkunft reicht. Genau dieses denken finde ich schon falsch. Dieses Klischeedenken muss erstmal aus den Köpfen vieler verschwinden. Was ich mir schon an Sprüchen über die "Ostdeutschen" anhören musste, über Städte etc. Als wären wir etwas Dreckiges oder Unnormales. Wenn ich hier lese, was der Merz schon wieder über uns gesagt haben soll, dann fehlen mir wirklich die Worte. Ich weiß halt nicht, was sich manche immer so herausnehmen. Dieses alle über einen Kamm scheren geht mir so ziemlich auf die Nerven!
    Und trotzdem wähle ich nicht Afd, weil ich im Sozialkundeunterricht gelernt habe, dass man hinterfragen muss und dass gerade vieles, was Parteien vor den Wahlen versprechen, meistens heiße Luft ist.
    Ich würde es gut finden, wenn sich die Parteien mal so verhalten würden, wie wir das in der Schule auch gelernt haben. Man sollte versuchen jeden anzuhören und einen gemeinsamen Nenner finden bzw. Kompromisse eingehen. Gefühlt ist das aber gerade eher ein großer Kindergarten. Eine wirkliche Person, auf die man mit Stolz schauen kann und in die man Hoffnungen setzt, sehe ich bei den großen Parteien aktuell leider nicht.

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