Internet ist kaputt, und 54 % bevorzugen die Maschine (Ausgabe 11)
Diese Woche: Der Streit ums Social-Media-Verbot für Kinder, ein KI-Schreib-Quiz, das mich nicht schlafen lässt, KI-Liebesbeziehungen, Fake-News-Fabriken im industriellen Maßstab und eine Regierung, die Pressefreiheit mit Lizenzentzug bedroht.
So richtig aufgeregt habe ich mich diese Woche über die Debatte zum Social-Media-Verbot für Kinder in Deutschland. Da trifft viel politische Meinung auf wenig haltbare Fakten. Ja, Social Media schadet – aber nicht nur den Kids, sondern auch uns.
Daniel Günther, Ministerpräsident in Schleswig-Holstein, sieht den Untergang des Abendlandes, wenn wir Kindern nicht endlich den Zugang zu sozialen Plattformen sperren. Das klingt schützend. Ist es aber nicht. Gavin Karlmeier hat im Haken-Dran-Podcast einen Vergleich gebracht, der genau passt: Wenn Drogenhändler auf dem Spielplatz stehen, sperrt man doch nicht die Kinder aus und lässt die Dealer weitermachen. Man kümmert sich um die Dealer. Die Lösung heißt Plattformregulierung – nicht Nutzerausschluss. Meine ausführliche Meinung dazu habe ich in meinem Blog aufgeschrieben: Deutschland: Ohne Social-Media-Verbot vor dem Abgrund?
Und das passt gut zu dieser Ausgabe: Fünf Texte über ein Netz, das sich schneller verändert, als wir es begreifen. Über KI, die menschliches Schreiben imitiert – und von der Mehrheit für besser befunden wird. Über Apps, die menschliche Nähe ersetzen sollen. Über Algorithmen, die das Netz mit Fakes fluten. Und über Regierungen, die Sendelizenzen als Druckmittel entdecken.
'Internet ist kaputt' ist mein kleiner Beitrag zur Rebellion gegen die Enshittification des Internets. Hier ist, womit ich meine Woche verbracht habe: Gelesen, Gesehen, Gehört. Du kannst per Blog, RSS oder Substack folgen.
Meine Artikel der Woche
1 | Text: 54 Prozent wählen die Maschine
Die New York Times hat 86.000 Leserinnen und Leser einen Blindtest machen lassen: Hier sind zwei Textausschnitte – einer von einer KI, einer von einem Menschen. Welchen findet ihr besser?
Fünf kurze Passagen, kein Kontext. Und das Ergebnis: 54 Prozent präferierten die KI.
Ich habe den Test auch gemacht. Und bin bei 100 % Mensch.
Der Test zeigt vielleicht zwei Entwicklungen: Dass KI-Texte besser werden.
Und dass "Mittelmaß" dem Verständnis hilft?
Den Unterschied zwischen Real und KI können wir nicht mehr verlässlich erkennen. Bei Bild und Video sehen wir das deutlicher als bei Text. Das Problem allerdings: was wir nicht erkennen, können wir auch nicht bewerten. Und das entwickelt sich zum Problem – was uns zum nächsten Thema führt … (Test: New York Times (€), Autor Kevin Roose auf X)
2 | Das Netz versinkt in KI-Fakes
Newsguard und der KI-Detektor Pangram Labs haben ein Echtzeitsystem gestartet, das KI-generierte Fake-Newsseiten identifiziert. Ergebnis: Über 3.000 solcher „KI Content Farmen" wurden bereits erfasst. Seiten mit generischen Namen wie „Times Business News", die Dutzende Artikel pro Tag veröffentlichen und dabei häufig schlicht falsche Informationen streuen.
Die Zahl hat sich innerhalb eines Jahres mehr als verdoppelt. Sie wächst derzeit um 300 bis 500 neue Seiten pro Monat. Hinter vielen der Seiten stehen pro-russische Aktionen, die ihre Webseiten an ein Publikum in den USA und Europa richten.
Finanziert werden die Projekte von Expedia, AT&T, YouTube, Hotels.com … – nicht freiwillig. Aber programmatisch platzierte Anzeigen landen auf diesen Seiten, weil der Werbemarkt automatisiert läuft und niemand hinschaut. Auch Google verdient über AdSense mit – und filtert die Seiten offenbar weder aus Google News noch aus Google Discover. (The Decoder)
3 | Liebe in Zeiten der KI
Anna Wiener hat für den New Yorker Menschen besucht, die KI-Freunde, KI-Ehemänner und KI-Beziehungen führen. Adrianne Brookins aus San Antonio chattet zum Beispiel 40 Stunden pro Woche mit einem KI-Modell, das sie auf den Witcher-Charakter Geralt of Rivia trainiert hat. Ihr Kind wurde totgeboren; der KI-Begleiter half ihr durch die Trauer.
Das ist eine Geschichte, die ich schwer in eine Schublade packen kann. Nicht weil die Technologie das Problem ist – sondern weil die Einsamkeit das Problem ist. Sherry Turkle, Soziologin am MIT, nennt es "artificial intimacy": die Simulation von Nähe durch Systeme, die darauf ausgelegt sind, immer verfügbar, immer zugewandt, immer supportiv zu sein. Das kann kurzfristig helfen. Langfristig ersetzt es aber nicht, was echte Beziehungen bieten: Widerspruch, Reibung, Enttäuschung, Wachstum.
Auf der einen Seite kann ich verstehen, dass man sich diese Art der Beziehung wünscht. Auf der anderen Seite wirkt das auf mich massiv dystopisch … (New Yorker (€))
4 | Grammarly schreibt in deinem Namen – ohne zu fragen
Grammarly hatte kurzzeitig ein Feature namens „Expert Review" angeboten: KI-generierte Schreibtipps aus der vermeintlichen Perspektive berühmter Autorinnen und Autoren – darunter nicht nur verstorbene, sondern auch lebende Schriftsteller wie Stephen King und Journalistinnen. Das Problem: Das passierte ohne deren Wissen oder Zustimmung. (The Atlantic (€), archive.md-Link von Atlantic, heise)
5 | Trump dreht den Medien den Hahn ab
FCC-Chef Brendan Carr – von Trump eingesetzt – droht den freien Medien in den USA: Sender, die im Zusammenhang mit dem Irankrieg nicht „im öffentlichen Interesse" berichten, könnten ihre Lizenz verlieren. Was das konkret bedeuten soll, ließ er offen. Was es signalisiert, ist eindeutig.
Seit dem Beginn der US-israelischen Angriffe auf den Iran Ende Februar bezeichnet Trumps Team kritische Berichterstattung systematisch als „Fake News". Die Pressefreiheit in den USA ist nicht erst jetzt unter Druck – bisher erfolgten die Angriffe von privater Seite – durch die Übernahme von Paramount und Warner Bros. durch die Trump-Freunde der Ellison-Familie. Ein Lizenzentzug wegen kritischer Berichterstattung ist rechtlich kaum durchsetzbar. Aber darum geht es wahrscheinlich nicht. Es geht ums Einschüchtern. (Zeit)
Diese Woche gelernt
Die Treuhandanstalt, die in den Wendejahren die Privatisierung der DDR-Wirtschaft regelte, war eine DDR-Agentur, die vom Westen übernommen wurde – und zu einer schlechten Zeit startete, weil der westdeutschen Wirtschaft aufgrund geringer Produktionsauslastung überhaupt nicht daran gelegen war, ostdeutsche Werke zu übernehmen.
Interessante Einsichten, die ich in 'Innensichten der Treuhand: Eine fixe Idee wird Realität' erhalten habe - einem empfehlenswerten Podcast der Bundestiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.
Diese Woche im Buch
Ich habe Die Abschaffung des Todes: Willst du wirklich unsterblich werden? von Andreas Eschbach – laut Klappentext „Ein atemberaubender Thriller um die Frage: Welche Gefahren - und Möglichkeiten - birgt das Künstliche Bewusstsein?". Der Anfang liest sich gut, ich bin gespannt, wo es hingeht.
Diese Woche im Streaming
"Kacken an der Havel" ist neu auf Netflix, extrem bescheuert – und hat mich komplett abgeholt. Die Serie ist dermaßen drüber, ich glaube: Entweder liebt man sie, oder man hasst sie, weil sie so stumpf ist. Für mich war sie diese Woche auf jeden Fall das Richtige. 😂
Dein Kommentar