Internet ist kaputt – Ausgabe #3
Ein Rückblick auf 2016 (weil es gerade ein Trend ist) – mein Jahr des Scheiterns. Die ersten 72 Minuten im Atomkrieg. Und Star Trek: Academy.
'Internet ist kaputt' ist mein kleiner Beitrag zur Rebellion gegen die Enshittification des Internets. Hier ist, mit was ich meine Woche verbracht habe: Gelesen, Gesehen, Gehört. Du kannst per Blog, RSS oder Substack folgen.
In Social Media ist Nostalgie ja schon seit einigen Jahren immer wieder ein Thema. Egal, ob es die Wiederentdeckung alter 90er Jahre Serien ist, oder das Teilen von Bildern und Hymnen aus Kinderserien. In Zeiten der Multikrise ist die Flucht in die "gute alte Zeit" ein gewisser Eskapismus.
Derzeit blicken alle auf 2016 zurück.
Nun, Ende Dezember 2016 schrieb ich auf Facebook: „Was'n Jahr!“ – und ich kann behaupten, dass das die Untertreibung des zurückliegenden Jahrzehnts war. Nicht wegen Donald Trump, oder dem, was in der Welt vorging. Ganz privat. Denn vor zehn Jahren drehte sich mein Leben einmal vollständig durch den Wolf.
2016 scheiterte ich. Krachend. Am Leben. Am Job. Am Meistern dessen, was nötig gewesen wäre.
Aus dem Jahr gibt es einiges an Fotos, weil ich viel unterwegs war. Aber all diese Bilder zeigen tolle Städte, Strände, Autos (was mein Job war). Was sie nicht zeigen: wie ich als Selbständiger im April das letzte Geld zusammenkratzte, um einen Auftrag erfüllen zu können, während meine Frau mit den Kids zuhause in den "Sparmodus" ging. Was die Bilder nicht zeigen, sind Anwaltstermine, dunkle Stunden und gesperrte Konten.
Die Nachwirkungen aus 2016 haben mich bis 2024 begleitet. Meine Selbständigkeit habe ich 2016 abgewickelt – übrig blieben darauf Erinnerungen und vor allem: Erfahrungen. Erfahrungen, die mir ab September des Jahres halfen, zügig einen Job zu finden, mich und meine Familie abzusichern und neu zu beginnen. Dass ich Scheiterte war dabei nicht nur ein Signal des Aufbruchs für mich – auch meine Frau hat seit zehn Jahren eine Karriere, in der sie glücklich ist.
Auf 2016 zurückzublicken schmerzt hier und da. Aber 10 Jahre später stehe ich hier, schaue die Bilder an und kann sagen: Es war nicht alles schlecht, damals. Auch, wenn es sich in dem Jahr sehr schmerzhaft anfühlte. Es war auch der Punkt für etwas anderes, Neues. Antrieb dabei waren unsere Kids – um ehrlich zu sein, wüsste ich nicht, ob ich sonst die Kraft gehabt hätte "durchzuziehen". Und wenn man mit dem (mittlerweile erwachsenen) Nachwuchs heute darüber spricht, erinnern die sich nur an Gutes – das und die Position, in der ich heute bin, macht 2016 rückblickend mit dem Abstand am Ende zu einem guten Jahr.
Hat das jetzt eine "Message"? Naja, wenn, dann: Versuch nicht aufzugeben, such dir etwas oder jemanden, der es wert ist, zu kämpfen. In 10 Jahren ändert sich vieles – nicht zuletzt der Blick. Ansonsten: Halte die schönen Dinge fest. Meine schönen Dinge 2016 kann man hier im Blog sehen (all jene, auf denen kein Familienmitglied ist, zumindest).
MEINE THEMEN DER WOCHE
… drehen sich um Politik (1 und 2), KI (3 und 4) sowie Fahrradfahren (5)
1
Wie gut ist deutscher Journalismus eigentlich noch, wenn es um kritische Einordnungen geht? Das fragt sich René Martens angesichts der in Minneapolis durch ICE-Agenten getöteten Zivilistin. Martens sieht eine Wirklichkeitsverdrehung, weil man immer wieder den Argumentationslinien von Donald Trump folge. Er schreibt das schlauer als ich. Aber über den gleichen Punkt habe ich diese Woche im Blog auch gehabt – mich darüber aufregte, dass die deutschen Medien schrieben, Dänemark und die USA hätten "keine Einigung" über Grönland gefunden. Das ist einfach falsches Framing.
2
In der ZEIT geht Sasan Abdi-Herrle der Frage nach, wo die USA unter Donald Trump sich auf den 'Fünf Stufen des Faschismus' nach dem Historiker Robert Paxton befinden. Paxton, dessen Buch "Anatomie des Faschismus" als Standardwerk gilt, hatte Trump während dessen erster Amtszeit noch vom Faschismusvorwurf freigesprochen, änderte seine Meinung nach dem Sturm auf das Capitol am 6. Januar 2021 aber.
Abdi-Herrle schreibt: „Zwar lässt sich [Paxtons] Definition […] längst nicht vollständig auf den US-Präsidenten übertragen. Moderner Faschismus wird nicht gänzlich im alten Gewand erscheinen. Doch hat dieser US-Präsident, zumindest durch die Paxtonsche Brille betrachtet, eindeutig faschistische Züge“. Die Beweisführung gibt es hier als Geschenklink.
3
Während China Robotaxis auf die Straße schickt und Fabriken im Dunkeln produzieren, diskutiert Deutschland über längere Arbeitszeiten wie in den 1980ern – und Friedrich Merz wirft mir (uns) vor, zu oft krank zu sein. Es ist rückständig anzunehmen, die Logik "Arbeitsplätze schützen = Wohlstand sichern" sei im neuen Jahrhundert noch immer gültig. Deutschland muss – so formuliert es Christian J. Meier bei RiffReporter – endlich vom "Fetisch Arbeit" loskommen. Da kann es helfen, KI als Chance zur Befreiung von sinnentleerter Arbeit zu begreifen.
4
Bisschen Wirtschaftskrimi: Im Handelsblatt zeigt Lina Knees, wie Desinformation durch KI zum "Billionen-Dollar-Problem" wird, wenn Unternehmen zunehmend Opfer künstlich erzeugter Empörungswellen werden, die mit Bots orchestriert werden. Das bedroht Demokratien und Unternehmen gleichermaßen – kostet Geld und Vertrauen: Desinformation als Geschäftsrisiko (hinter Bezahlschranke)
5
Seit ich regelmäßig auf dem Fahrrad unterwegs bin, offenbart sich mir ja, wie sehr wir Verkehr und Leben eigentlich auf das Auto auslegen. Allein, dass wir stetig diskutieren, ob man Innenstädte für Autos sperren "darf" – wofür bauen wir denn seit Jahrtausenden Städte? Für Autos oder Menschen?
Richtig offenbar wird das zudem im Winter, wenn Straßen schnee- und eisfrei geräumt werden, Bürgersteige und Radwege aber mit dem Schnee der Straßen zugeschoben und ignoriert werden. Dass das keinesfalls "gottgegeben" und "nicht anders machbar" ist, zeigt ein kleines Interview mit Stadtplaner Pekka Tahkola aus dem finnischen Oulu: »Beim Schneeräumen zeigen Städte, wen sie schützen wollen und wen nicht« (hinter Bezahlschranke, hier als archive.md-Link).
DIESE WOCHE GELERNT
Eine EPUB-Datei ist im Grunde ein ZIP-Archiv, das HTML-Dateien (für den Inhalt), CSS-Dateien (für das Styling), Metadaten (in XML) und Bilder enthält, ähnlich einer Website, die für E-Reader optimiert ist; man kann eine EPUB oft durch Umbenennen in .zip entpacken und die HTML-Dateien direkt in einem Browser betrachten
DIESE WOCHE IM BUCH
Derzeit lese ich '72 Minuten bis zur Vernichtung: Atomkrieg – ein Szenario' – darin skizziert Annie Jacobsen, was im Fall eines nuklearen Angriffs auf die USA passieren würde. Welche Mechaniken, Behörden, Entscheidungen würden greifen.
Das Ganze ist ein fiktives Szenario, aber Jacobsen erklärt anhand dessen mit zahlreichen Quellen und Interviews, was genau passieren würde und welches Arsenal der USA zur Verfügung steht. Man denkt sich mit jedem Kapital "Was ein Wahnsinn", gleichzeitig ist da aber auch diese Faszination über die Absurdität dessen, was da passieren würde … Allein, dass es Zeiten gab, in denen die USA quasi 5 Atomraketen pro Tag gebaut haben! Und dann will man den Wahnsinn des aktuellen Präsidenten nicht mitdenken.
Ich finde das Buch nicht deprimierend, es macht mir auch nicht unmittelbar Angst. Ich lese es wie ein außerirdischer Beobachter, der permanent facepalmt.
Das Buch ist im Grunde der faktische Unterbau dessen, was man auch im Netflix-Film 'A House of Dynamite' verfolgt – auch, wenn der Film nur die ersten 20 Minuten zeigt. Für beides – Film und Buch – eine Empfehlung an dieser Stelle.
DIESE WOCHE GESEHEN
Mein Highlight der Woche – als Star Trek-Fan, der ich seit 35 Jahren bin – war natürlich die Premiere der neuen Serie 'Star Trek: Starfleet Academy'. Neben meiner Kritik der ersten beiden Episoden habe ich mir ein paar Gedanken über das toxische Fandom gemacht, die du hier lesen kannst.
Und dann habe ich noch drei Folgen einer spannenden kleinen Doku-Reihe – alle 30 Minuten lang: Über den Kontrast beim Wohnen. In der ersten Episode geht es zum Beispiel darum, wie im Westen in den 1920ern das 'Dach' von Häusern plötzlich zum angesagten Domizil wurde, während in Asien die Dächer noch heute die Slums der Armen sind. Reinschauen in der Mediathek: Rooftop, Unterirdisch, Balkone.
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