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Internet ist kaputt – du aber nicht (Ausgabe #5)

Diese Woche dreht sich alles um KI und was sie mit uns macht – privat, gesundheitlich, beruflich. Es geht um einen Moment der Veränderung und unseren Platz darin. Dazu natürlich ein Buch- und Videotipp.

Internet ist kaputt' ist mein kleiner Beitrag zur Rebellion gegen die Enshittification des Internets. Hier ist, mit was ich meine Woche verbracht habe: Gelesen, Gesehen, Gehört. Du kannst per BlogRSS oder Substack folgen.


Diese Woche ringe ich mit einer kleinen Erkältung – sorry, aber echt keine Zeit dafür. Nicht, weil es Friedrich stolz machen würde, sondern weil meine ToDo-Liste derzeit echt voll ist. Kennst du das, wenn du das Gefühl hast, den Moment des Wandels tatsächlich zu fühlen?

So geht es mir dieser Tage auf Arbeit ebenso wie im technologischen Bereich.
Und dummerweise sind beide Welten ultimativ verknüpft, wenn man als Stratege zum Jahresanfang damit beschäftigt ist, den Kurs der nächsten Monate vorzugeben.

Seit ChatGPT am 30. November 2022 die öffentliche Bühne betreten hat, erleben wir einen dermaßen rasanten Wandel in Technologie, Arbeitswelt und zuweilen auch Gesellschaft, dass einem schwindelig werden kann. Auch, wenn die Fortschritte von hier an immer schwieriger werden. Auch, wenn meine ethischen und klimapolitischen Alarmglocken bei all dem schrillen, ist der Wandel, den Large Language Modelle in den letzten 3 Jahren gebracht haben, für mich nur mit einem Wort zu umfassen: irre.

Das Ding aber ist: Nachdem in den letzten Jahren aberwitzige Summen in die Technologie gepumpt wurden (und auch weiterhin gepumpt werden), erleben wir jetzt auch so einen Moment, der sich nach echtem Nutzen anfühlt – jenseits davon, dass dir Chatty Fragen beantworten, deine Hausaufgaben in Deutsch machen und Therapeut sein kann (und über jedes dieser drei Dinge könnte ich mit dir stundenlang streiten, ob und wie sinnvoll es ist).

Seit meinem Weihnachtsurlaub jedenfalls ist Claude Code nicht nur in aller Munde, sondern auch auf meinem (neuen, leeren) MacBook Air. Und hebt die Nutzung eines LLMs auf ein neues Level. Denn Claude Code kann theoretisch auf alles zugreifen, was auf deinem Rechner ist – und mit ihm arbeiten.

Mit Claude Code tatsächlich zu "coden" – also kleine Anwendungen zu schreiben, oder Webseiten-Basteleien zu erledigen – ist noch so ziemlich das Langweiligste, wozu man das Tool einsetzen kann. Die Magie fängt da an, wo man die eigene Fantasie etwas dehnt. Denn das Werkzeug kann noch andere Dinge tun: Dateien sortieren, einen Ordner von Belegen lesen und in Excel übernehmen oder mit dir gemeinsam im Ping-Pong über Dinge sinnieren, im Web recherchieren und deine Gedanken, seine Strukturierungshilfe und Internet-Informationen zu echten Präsentationen für Powerpoint erstellen und ändern.
Und Sorry to Say, aber: Wer braucht noch Copy & Paste?

Und dann betrat jetzt ein zusätzlicher Layer des Ganzen die Bühne: OpenClaw (ursprünglich ClawdBot genannt, kurz Moltbot getauft und jetzt OpenClaw). Der ist ein "echter KI-Assistent" – denn im Grunde erweitert er die Fähigkeiten von Claude Code um zahlreiche Tools und kommuniziert mit dir ganz entspannt, bspw. via Telegram.
Jan-Keno Janssen bezeichnet ihn als derzeit "gefährlichste Software der Welt" (unbedingt das Video anschauen) – und dürfte damit nicht Unrecht haben.

Das Gefährliche an Claude Code und OpenClaw nämlich ist: Die Tools haben Vollzugriff auf deine Dateien und deine Infrastruktur. Was für manchen ein Gamechanger ist, könnte man auch als Dystopie bezeichnen. Dazu kommen – wie oben erwähnt – eben vor allem auch der massive Ressourcen-Impakt und natürlich reale Sicherheitsprobleme, den das alles hat.

Meine fünf Links der Woche drehen sich diesmal um das ganze Thema KI-Assistenten und Co. Einen massiv kritischen Text habe ich in der Reihe nicht – ich habe mich diese Woche eher mit den Möglichkeiten und Auseinandersetzungen beschäftigt. Wer sich mit den Umweltauswirkungen von KI auseinandersetzen mag, der ist im Paper von Greenpeace sehr gut aufgehoben (PDF).

Meine Artikel der Woche

1
Gibt es die gute KI? Man hat das Gefühl, dass Anthropic – die Firma hinter Claude AI – derzeit die KI-Firma ist, die noch am "moralischsten" handelt: Immer wieder spricht die Firma nicht zuletzt auch über die Risiken der Large Language Modelle. Mit Claude Code hat sie das "Tool der Stunde" am Start. Nicolas Killian hat für die ZEIT mit dem Firmengründer von Anthropic, Dario Amodei, gesprochen und erzählt im Podcast, der ernst zu nehmen scheint, was er sagt – obwohl es einen fundamentalen Widerspruch zwischen seinen Warnungen und seinen Handlungen gibt. Amodei selbst sagt: „Um die Technologie besonders sicher zu machen, muss sie immer mächtiger werden – und damit potenziell gefährlicher“ – seine Firma führe ein "Rennen nach oben", und müsse vorn dabei sein, um die Technologie kontrollieren zu können.
Digital-Podcast der Zeit: Gibt es die gute KI?
Interview mit Amodei als Geschenklink: Er wäre gern einer der Guten

2
Ebenfalls in der ZEIT hat Christoph Koch einmal alle Datenschutz-Bedenken über Bord geworfen und seine Aktivitäten wie Shopping, Essensplanung und Termine buchen in die Hand eines KI-Assistenten gegeben. Und kommt schnell an die Grenzen. Sein Fazit wiederhole ich derzeit auch stets im beruflichen Kontext, wenn Manager zu forsch meinen, sie könnten Arbeitskraft durch KI ersetzen: „In ihren besten Momenten erinnerten sie mich an mäßig schlaue Praktikanten mit einem Sinn für arbeitserleichternde Tricks.“
Assistent, mach mir den Arzttermin! (ebenfalls als Geschenklink)

3
Eine Stufe weiter ist Geoffrey A. Fowler in der Washington Post eskaliert und hat einfach seine Apple Watch-Gesundheitsdaten in ChatGPT geworfen und gefragt: Bin ich gesund? Hintergrund ist, dass OpenAI vor nicht zu langer Zeit 'ChatGPT Health' gestartet hat. Ein Bot, der dir gezielt medizinische Fragen beantworten können soll – einfach, weil er das für 230 Mio. Menschen schon gemacht hat …
Sowohl OpenAI als auch Anthropic meinen, ihre KIs seien mindestens so gut wie der Hausarzt. Stellt sich raus: Sind sie zumindest im Anwendungsfall von Fowler nicht: „Chatbot companies might be overselling their ability to answer personalized health questions, but there’s little stopping them.“ Also, geh' lieber weiterhin zum Arzt.
I let ChatGPT analyze a decade of my Apple Watch data. Then I called my doctor.

4
Die Gegenbewegung zu all der KI-Gläubigkeit erleben wir indes auch. Vor allem Jüngere trennen sich zunehmend von der digitalen Überforderung und fliehen in "low tech"-Zeiten zurück. Sie graben die alten 3,2 Megapixel-Digi-Cams von Mama & Papa aus, kaufen sich ein Dumbphone (im Grunde nichts anderes als mein erstes Siemens S10) und jagen bei eBay alte iPods oder Walkmans.
Was das mit einem macht, schreibt Emma Russell im Guardian (Englisch): „I can live without reels about botched Botox and AI animals“.
My analogue month

5
Was macht das Ganze jetzt eigentlich mit der Arbeitswelt?
Mit dem Launch von ChatGPT brummte plötzlich der Job von "Promp-Ingenieuren" – jetzt stellt sich raus: Die braucht keiner mehr. Excel-Probleme kann ChatGPT ziemlich gut lösen. Und eine einfache Webseite kann Claude Code in 10 Minuten basteln. Wenn brauchen wir eigentlich noch?
Ich sehe es nicht ganz so düster: Menschlichen Einfluss wird es immer brauchen. In der automatisierten Fabrik braucht es vielleicht den Schweißer nicht mehr, aber jemanden, der die drei neuen Schweißroboter beaufsichtigt. Und wenn es zum Beispiel um Kunst, Kreativität und Austausch geht, bin ich mir ziemlich sicher, werden wir noch dieses Jahr eine gewisse "Rückkehr zum Handgemachten" als Qualitätsmerkmal erleben.
In Jobs wie meinem – Berater, Stratege, Kreativer – teile ich die Ansicht von Michelle Higa Fox: Die Zukunft gehört den Generalisten, die mit einem Fundament aus Storytelling, Urteilskraft und Soft Skills steuern und mit Überzeugung führen und arbeiten können. Der Engpass im Job verschiebt sich von Produktion zu Auswahl und Begründung – also zur Qualität der Entscheidungen.
The future belongs to the creative generalists

Diese Woche gelernt

Viel zu Claude Code – ich versuche das einigermaßen in meinem Wiki zu dokumentiere.

Diese Woche im Buch

Passend zum Thema 5 oben: Ich habe vor einer ganzen Weile 'Es lebe der Generalist' von David Epstein gelesen. Darin zeigt Epstein anhand von unzähligen Studien und Lebensläufen, dass es selten die Spezialisten sind, welche die Welt am Laufen halten, sondern eher jene mit „krummen“ Lebensläufen.
Als jemand, dessen Kinder mit dem jeweiligen Schulende in eine Phase der Orientierung mit beruflichen Überangeboten, Zukunftsängsten und Weltveränderungen konfrontiert sind, war das Buch eine Bestätigung für mich: Ein glatter Lebenslauf ist eine veraltete Idee und entspricht nicht mehr der heutigen Lebenswelt.

„Ich wusste schon als Kind, was ich werden wollte“ ist ein Narrativ, das vor allem nach außen entschlossen wirken soll. Dabei ist genau das ein Problem: Viele entwickeln keine Vorstellung davon, wer sie eigentlich noch sein könnten. Das führt dann zu inneren Konflikten, weil man aus diesem Selbstbild nur noch schwer ausbrechen kann.

In Epsteins Buch möchte ich eine Ermunterung sehen, den Mut zu fassen, sich in ein neues Abenteuer zu stürzen, wenn man das Gefühl hat, in der aktuellen beruflichen oder auch persönlichen Stelle nicht mehr weiterzukommen. Er liefert dafür eine gute Basis an Argumenten und Beispielen.

Diese Woche in Videos

Ich habe die ersten beiden Episoden von "The Pitt" gesehen.
Auf meiner Liste steht jetzt noch: The Case Against Hating AI Slop
Wenn dir eher nach etwas Altem ist: Die Wikimedia Foundation baut auf WikiFlix einen Streaming-Dienst für Filme auf, die unter 'Public Domain' stehen – dort findet man jetzt Klassiker wie Metropolis, It’s a Wonderful Life oder Charade.

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