Internet ist kaputt, und ich hab's einfach ausgestöpselt (Ausgabe 9)
Diese Woche war ich eher draussen als drinnen (im Internet). Aber hab' trotzdem ein paar spannende Sachen mitgebracht – dazu ein Buch und zwei Filme zur Flucht aus der Nachrichtenspirale.
Es gibt so Wochen, da stöpsle ich das Internet einfach aus und gehe raus in die Sonne.
Das bot sich diese Woche durchaus an: Heizungsgesetz, Jahrestag des Angriffs auf die Ukraine, der Angriff auf Iran, … Meine Resilienz wurde diese Woche primär von Ignoranz und dem Tanken von Vitamin D gestärkt.
Da verhagelt mir auch Friedrich Merz den Sonntag nicht, wenn er erneut über Work-Life-Balance lästert und diesmal sogar über unsere Olympioniken herzieht bei seiner Kritik am Leistungswillen der Deutschen.
Deshalb mein Tipp heute: Geh' raus, genieß die Sonne. Und lies den Rest hier heute Abend auf der Couch.
Im Buchtipp der Woche habe ich übrigens einen perfekten Tipp zum Thema Spazierengehen.
Ansonsten finde ich immer Trost in dem Gedanken, dass das alles irgendwann vorbei ist. Auf die ein oder andere Weise. 😅
'Internet ist kaputt' ist mein kleiner Beitrag zur Rebellion gegen die Enshittification des Internets. Hier ist, womit ich meine Woche verbracht habe: Gelesen, Gesehen, Gehört. Du kannst per Blog, RSS oder Substack folgen.
Meine Artikel der Woche
1 | Utopie: Der Traum der Vielen
Karlheinz Steinmüller hat gemeinsam mit seiner Frau Angela jahrzehntelang Science Fiction in der DDR geschrieben. Im (langen, aber lohnenswerten) Interview spricht er unter anderem über Utopien, die in der aktuellen Welt oftmals fehlen. Steinmüller plädiert für eine „dynamische Utopie" – keine fertige Blaupause, kein Endzustand, sondern ein offener Prozess: „Eine Utopie ist das Träumen der Vielen“, sagt er. Das klingt weich, ist aber hart: Es bedeutet, dass niemand – kein Staat, keine Partei, keine KI – diesen Prozess für uns übernehmen kann, sondern nur wir.
Mir fehlt in der Politik ja seit Jahren sowas wie eine 'Vision für Deutschland', aber vielleicht hat Steinmüller einfach Recht. Vielleicht obliegt es uns, diese Vision zu übernehmen, zu formen und zu pushen.
Für Steinmüller gehört es zur Aufgabe des mündigen Bürgers, die Utopien zu träumen – und da liegt auch sein Problem mit KI. Wen nicht wir den gestalterischen Teil übernehmen, werden wir nur noch zu Konsumenten, die Prompts eingeben. Das ist kein Fortschritt. Das ist Regression.
Abseits dieses Themas drängt sich natürlich auch die Frage auf, wo der Unterschied der Science Fiction zwischen Ost vs. West in den alten Systemen lagen. Steinmüller beschreibt DDR-SciFi als „gepflegten Mischwald“ – geordnet, staatlich gerahmt, mit Grenzen. Die westliche SF dagegen sei ein „dampfender Dschungel“ – wilder, dystopischer, kommerziell freier. Beides hat seinen Reiz. Beides hat seine Fallen – vor allem die, dass wir in der Dystopie landen, sehe ich da gerade … (Golem)
2 | Das T im Wissenszeitalter
Ich hatte in einer der letzten Ausgaben ja bereits einmal angesprochen: Ich glaube, in Zeiten der KI gewinnen vor allem Generalisten. Menschen, die breit aufgestellt sind. Golo Roden stimmt mit einem aktuellen Artikel zu und deklariert es als „T-förmiges Wissen“: tief in einem Bereich, breit genug in den anderen.
Das Argument, dass Angestellte mit derlei Aufstellung 'überleben' werden, ist einfach: KI macht Oberflächenwissen billig, weshalb man zur Überzeugung gelangen könnte, dass Grundlagenwissen überflüssig ist. Aber die Kunst liegt darin, dass man Ergebnisse bewerten können muss.
KI produziert Code, Texte, Analysen – aber ob das Ergebnis stimmt, ob es am Problem vorbeigeht oder schlicht falsch ist, das kann nur beurteilen, wer das Thema wirklich verstanden hat.
Wer nur noch KI-Output weiterreicht, ohne zu verstehen, was er da weiterreicht, ist das schwächste Glied in der Kette. Das ist kein Argument gegen KI-Nutzung. Es ist ein Argument dafür, Kernkompetenzen trotzdem zu entwickeln – oder gerade deshalb. (Heise)
3 | Anthropic gegen das Pentagon
Diese Geschichte hat mich diese Woche beschäftigt – auch weil ich parteiisch bin: Ich nutze Claude AI täglich.
Anthropic – das Unternehmen hinter Claude – scheint derzeit die einzige KI-Firma mit einem "Gewissen" zu sein. Das Unternehmen setzt aktuell viel auf's Spiel, weil man sich gegen die Trump-Administration stellt.
Die will nämlich, dass Anthropic seine ethischen Leitplanken fallen lässt.
Hintergrund ist, dass die Firma einen 200-Millionen-Dollar-Vertrag mit dem Pentagon hat. Claude sei der einzige KI-Bot mit Sicherheitsfreigaben, weigere ich aber offenbar gewisse Dinge zum Thema Massenüberwachung und autonome Waffensysteme auszuarbeiten. Das Pentagon hätte das gern, Anthropic sagte aber Nein. Nun kickt Trump Anthropic aus dem Vertrag, beschimpft die Firma als "links, woke" und kündigt weitere Konsequenzen an. Die Reaktion von Anthropic: Eine Klage.
Die Lücke, die sich im Pentagon nun auftut nutzt OpenAI. Sam Altman handelte eine Vereinbarung aus – mit im Wesentlichen denselben Leitplanken, die Anthropic installiert hatte. Offenbar formulierte OpenAI das aber Trump-kompatibler.
Offenbar war nicht der Inhalt das Problem, sondern – erneut – der Kulturkampf: „The problem with Dario is, with him, it's ideological“, sagt ein Pentagon-Vertreter über Anthropic-Chef Dario Amodei. Das ist kein sachliches Argument, passt aber in die Woche, in der Donald Trump in seiner Rede an die Nation stolz verkündet, man habe DEI in den USA beendet. (The Atlantic, Axios)
4 | Vibe-Video zum Vibe-Coding
Zum Black Friday letztes Jahr schoss ich mir sehr günstig ein M4-MacBook Air und nutze es für allerlei lustige Experimente mit Claude Code, OpenClaw und anderem KI-Zeugs. Ich äußere mich zuweilen ja sehr kritisch über KI in meinem Blog – aber eben auch, weil ich eben selbst viel Erfahrung damit sammle.
In meinem Alltag lasse ich KI recherchieren, Präsentationen bauen, interne App-Projekte basteln, … ich hab' also eine recht gute Idee davon, wo, wann, wofür man sie einsetzen kann und sollte – und habe eine starke Meinung, wo ich sie nicht haben will (bspw. bei Büchern, Musik oder oder persönlicher Kommunikation …)
JEDENFALLS, was ich eigentlich sagen wollte: Dieses 2,5 Stunden lange Video ist der bisher beste zusammenhängende Einstieg in das Thema Vibecoding, dass ich gesehen habe. Danke c't.
Darin zeigt Jan-Keno Janssen, wie er ein kleines Projekt umsetzt und hat parallel einen Programmierer neben sich, der ihn leitet und Einschätzungen dazu gibt, was geht, wie man ans Ziel kommt und wieso man das Zeug eben trotzdem mit Vorsicht genießen sollte.
Wirklich toll!
Kann ich aus meiner eigenen Praxis genau so bestätigen.
5 | KI und die Entwertung des Schaffens
Andrew Perfors ist Kognitionswissenschaftlerin – und ihr Blogpost ist lang, akademisch unterfüttert und trotzdem gut lesbar. Ich hab' ihn zweimal gelesen. 😅
Perfors fragt sich – mit Blick auf KI: Was passiert mit (künstlerischer) Bedeutung, wenn die Schöpfungskette zwischen Schöpfer und Publikum durch eine Maschine unterbrochen wird?
Vielleicht gefällt mir der Beitrag auch deshalb so gut, weil ich mit Perfors Antwort absolut übereinstimmt.
Ihre Antwort: Bedeutung entsteht nicht im Output, sondern im Prozess.
Wer einen Text schreibt, trifft Tausende kleiner Entscheidungen – Wortwahl, Struktur, was bleibt, was geht. Genau diese Entscheidungen transportieren, wer jemand ist.
Mit KI Erschaffenes übernimmt den Output, aber nicht den Prozess.
Was bleibt, ist eine leere Form.
Sie nennt das „Junk Food der Bedeutungsproduktion" – es sieht aus wie das Echte, fühlt sich kurz so an, hinterlässt aber dieses seltsam ungesättigte Gefühl. Wer je einen KI-Text gelesen und gedacht hat: „Stimmt alles irgendwie, aber…" – das ist genau das.
Ich hab' diese Frage schon in Ausgabe 7 gestreift. Und ich stimme Perfors zu – auch weil ich selbst täglich KI einsetze: Es gibt einen Unterschied zwischen KI als Werkzeug und dem Delegieren des Denkens selbst. Dieser Unterschied ist nicht akademisch. Er ist sehr real. (perfors.net)
Diese Woche gelernt
Auf der Erde existieren die meisten biologischen Moleküle wie etwa Zucker in zwei Formen, die sich wie Bild und Spiegelbild verhalten. Die DNA aller lebenden Organismen besteht etwa aus »rechtshändigen« Nukleotiden, während die Proteine, die Bausteine der Zellen, aus »linkshändigen« Aminosäuren hergestellt werden. Warum das so rum aufgebaut ist, ist bisher unklar. Denn theoretisch könnte man es auch andersrum bauen – und da setzt die Forschung zum 'Spiegelleben' an; mit der Frage: Wie würde sich eine Zelle verhalten, in der alle Moleküle in der spiegelverkehrten Konfiguration existieren?
Während ein paar Forscher der Frage nachgehen, warnen andere – denn eine spiegelverkehrte Mikrobe zum Beispiel, birgt das Potenzial alles Leben auszulöschen, weil beispielsweise unser Immunsystem nicht "andocken" könnte und damit wehrlos sei. (SPIEGEL, arte Doku: Was, wenn das Leben spiegelverkehrt wäre?)
Diese Woche im Buch
Ich lese noch immer Rick Zabels On The Road aus der letzten Ausgabe.
Allerdings habe ich 'Spazieren: Ein Buch übers Laufen, Gehen, Schritte sammeln' als Hörbuch angefangen – ein Ratgeber, wie man sich im Alltag mehr draussen bewegt. Jetzt mit reinkickendem Frühling ganz nett. Ich gehe zwar schon jeden Tag mindestens vier Kilometer mit dem Hund und versuche selbst auf Business-Reisen mich als Spaziergänger viel zu bewegen – aber man kann ja noch immer dazu lernen. Sarina Albeck gibt in ihrem Buch nicht nur Mut sondern eben auch Tipps an die Hand, um mehr zu Spazieren.
Diese Woche gesehen
Als Formel 1-Fan habe ich diese Woche natürlich die neue Staffel 'Drive to Survive' auf Netflix weggebinged und … naja, ich hatte auf ein bisschen mehr "Drama" gehofft. Die letzte Saison endete mit dem Weltmeister, auf den ich gehofft und getippt hatte – aber hatte dermaßen viel Spannung zu bieten, dass Soap-Opera-Version einer Dokumentation von Netflix dagegen wohl nur abfallen konnte.
Mehr Substanz bieten da die beiden kleinen Perlen, die noch ein paar Tage in der ARD Mediathek schlummern: Amerikanische Fiktion und Anatomie eines Falls – beide sehr empfehlenswert.
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