Social-Media-Verbot: Mehr Tempo gefordert
„Jeder Monat, den wir warten, schadet Kindern und Jugendlichen“, sagt Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Günther, und erneuert seinen Aufruf für ein Social-Media-Verbot für Jugendliche. Er könne sich sogar ein Verbot für alle unter 18 vorstellen.
„Beim Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche muss mehr Tempo rein“, sagte Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig.
Dem 'Focus' erzählt Bildungsministerin Karin Prien derweil, dass Kinder in Sozialen Medien „faktisch völlig unreguliert“ zum Beispiel mit Gewalt und Pornografie konfrontiert seien – und bringt auch WhatsApp Klassenchats ins Spiel. Es sei „Meine feste Überzeugung ist, dass wir auch ein Social-Media-Verbot brauchen“, sagt sie.
Wie sehr kann man da noch Ernst nehmen, dass Prien eine 'unabhängige' Kommission einsetzte, die bis zum Sommer ihre Ergebnisse und Vorschläge präsentieren soll, ob und wie ein Social-Media-Mindestalter kommen soll, wenn der Auftraggeber doch schon eine vorgefertigte Meinung hat?
Allen dreien ist bei ihrem lautstarken "Aber denkt doch mal jemand an die Kinder"-Populismus offenkundig egal, was Experten sagen. Die führen nämlich meist an, dass es an belastbaren Studien fehle, ebenso wie an Bildung für Medienkompetenz – der Grundlage.
Ich frage mich auch: Wieso reden wir eigentlich dauernd darüber, Menschen auszusperren – statt Plattformen zu regulieren?
Es gibt kein Recht darauf, abgehackte Köpfe, Gewalt, Pornographie, Hass, Beleidigungen, Dickpicks und Mobbing zu sehen. Auch nicht für mich als Erwachsener. All das dürfen TV, Radio und Zeitung auch nicht verbreiten. Wie wäre es mal damit, Plattformbetreiber und Täter zu bestrafen, statt Opfer auszusperren?
Prien denkt nicht nur an ein Kinder-Verbot für Social Media.
Fast möchte aufhorchen, wenn sie das Wort "Regulierung" in den Mund nimmt. Aber ich befürchte, das nutzt sie als Synonym für "Verbot": „Ich glaube, wir müssen nicht nur über Social-Media-Regulierung, sondern auch über Messengerdienstregulierung sprechen.“
Ich wundere mich immer.
Von Social Media habe ich ein bisschen Ahnung – die Politik offenkundig ein bisschen weniger und diskutiert es trotzdem mit einer Chuzpe, die ich bisweilen erstaunlich finde. Wenn die Politik von anderen Themen, von denen ich keine Ahnung habe, genauso agiert … hui.
Regulierung der Plattformen. Ist halt schwierig: das sind alles Plattformen außerhalb Europas und da gilt sowieso Wildwest oder Geld oder weiß der Teufel. Und wenn sich immer alles (gefühlt) durch Lobbyarbeit verändern lässt, bleibt den Personen oberhalb des Staatssekretärs nur der Populismus.
Das ist doch bei anderen Themen auch ähnlich: bei der Ernährung sind wir Konsumenten verantwortlich, beim Mülltrennen sind wir die Bösen, beim Luftverkehr sind es unsere zwei Reisen pro Jahr, Papier sollte man auch lieber nicht mehr verwenden etc pp: aber die Firmen anzugehen, die zu regulieren, die zu Veränderungen zu bewegen (natürlich auch irgendwann mal zu zwingen) das wagt keiner.
da wird zu viel in einen Topf geworfen: Schon seit längerem ist jeder, der in der Grundschule lesen gelernt hat in selbiger ein Außenseiter, wenn er kein Smartphone hat. Meine Tochter bekam ihres damals mit 9- und sie war eine der Letzten. Heute ist sie 21 und ist leicht kurzsichtig. Sie selbst sagt heute, das sie viel Lebenszeit in dieses Ding gesteckt hat, was nicht immer von Vorteil war.
Wir lassen unsere Kinder bis zum 10ten Lebensjahr auf dem Gehweg fahren, weil sie von ihren geistigen Fähigkeiten nicht in der Lage sind, die Gefahren des Straßenverkehrs abzuschätzen.
Ich denke es sollte eine Altersuntergrenze geben, 10..12.. Die Plattformen zu regulieren halte ich auch für Schwierig, besonders dann, wenn Server und Betreiber irgendwo im "Regenwald" sitzen und das Digitalrecht von Namibia, Equador oder Paraguay gilt. Will man dann Teile des Internets sperren? Ich denke, es sollte eine EU- weite Reglung geben, die vielleicht von Kommunikationswissenschaftlern, Kinderpsychologen auf der Basis von Fakten entstanden ist und von der Politik umgesetzt wird. Altersbegrenzung mit Stufenweiser Freigabe.
Aber ich bin mir ziemlich sicher, das das so nicht passiert, sondern eine schnelle dumme Lösung her muss und am besten im Alleingang...
Ein Social-Media-Verbot, das meiner Meinung nach den Namen verdient, wäre eines, bei dem die Plattform verboten wird, wenn dort Gewalt, Hass, Trolle ungeahndet Verbreitung finden. Mit »ungeahndet« meine ich nicht nur »ungehindert« im Sinne von Löschungen und Sperren sondern auch Strafen für Täter.
Nutzern das Internet zu verbieten ist m.E. grundfalsch und ein unerlaubter Eingriff in die Persönlichkeitsrechte.
Sinnvoll wäre den Kindern die Telefone wegzunehmen. Die haben sie meist von ihren Erziehungsberechtigten bekommen, und genau die, und niemand sonst, sind dafür verantwortlich was der Nachwuchs da treibt. Ich durfte als Kind auch nicht alles fernsehen.
Aus meiner Sicht sind die meisten Eltern entweder zu dumm oder zu faul den Medienkonsum ihrer Kinder zu regulieren. Wahrscheinlich schaffen sie das nicht einmal für sich selbst.
Ein Großteil der Gesellschaft hat es sich als Mitläufer bequem gemacht: Für jeden Scheiß wird eine App installiert, Zustimmungen werden ungelesen abgenickt, Datenschutzbedenken werden verächtlich gemacht. IT-Kompetenz oder Medienkompetenz ist nicht vorhanden.
Und schuld sind immer die Anderen: Die Pädophilen die groomen, die Islamisten die desinformieren, die anderen Kinder die mobben, die Datenkraken die Daten kraken. Aber den Kindern kauft man ein Händi bevor sie laufen können, damit sie nicht “abgehängt” werden. Abgehängt bitte wovon? Den Kinderf…rn, den Mullahs, den falschen Freunden, oder Elon Musk?
Zu dieser Bequemlichkeit passt der Ruf nach Vater Staat: “Mach Du das für uns, Vater Staat, egal wie. Dann halten wir halt den Ausweis hin bevor wir das Internet nutzen, oder lassen unser Gesicht scannen, oder unsere Chats vorab kontrollieren. Auch egal was mit diesen Daten dann passiert, Vater Staat, mache einfach was und lass uns in Ruhe weiter daddeln.”
Ich habe wenig Freude dabei zuzusehen wie unsere Freiheit weiter eingeschränkt, wie wir mehr und mehr überwacht werden, “der Kinder wegen”, tatsächlich aber wegen einer vor Faulheit stinkenden Gesellschaft von Konsumenten.
Hallo Thomas,
ein gewohnt treffender Punkt von dir: Wir diskutieren lieber über das "Aussperren" der jungen Generation, statt die Plattformen dort in die Pflicht zu nehmen, wo der Schaden entsteht. Das Bild, das du zeichnest – die Chuzpe der Politik bei gleichzeitigem Mangel an Fachverstand – beobachte ich auch mit großer Sorge.
Ich bin bei meiner Analyse sogar noch einen Schritt weitergegangen: Selbst wenn man den politischen Willen für ein Verbot oder eine strikte Regulierung hätte, scheitert der Kinderschutz 2026 immer noch krachend an der technischen Umsetzung. Wir fordern Gesetze, für die wir gar keine funktionierenden, datenschutzkonformen Infrastrukturen haben.
Ich habe dazu heute morgen auch meine Gedanken aufgeschrieben, warum wir uns technisch in einer Sackgasse befinden.
Im Grunde bekämpfen wir ein Symptom mit einem stumpfen Schwert, während die technische Basis für echte Lösungen (oder eben eine faire Regulierung ohne Totalüberwachung) völlig vernachlässigt wird.
Beste Grüße,
Krisú