Die Antifanstalt – Die Anstalt Episode 100
Mit dem Aufruf zur wehrhaften Demokratie nach Karl Loewenstein sowie der Auseinandersetzung mit dem Danger Dan-Lied Keine Angst.
Mit dem Aufruf zur wehrhaften Demokratie nach Karl Loewenstein sowie der Auseinandersetzung mit dem Danger Dan-Lied Keine Angst.
Keine Angst. Keine Angst. Keine. Angst. (Explizit ruft Danger Dan sicherlich nicht zu Gewalt auf, aber allein „den Elefant ungenannt im Raum stehen” zu lassen macht die implizite Gewalt schon durchaus klar.) Trotzdem. Keine Angst. (Wobei ich glaube, dass Angst allgemein kleiner ist als Bequemlichkeit.)
Die erste Wochenhälfte war ein bisschen „Land unter“, weshalb ich zu nicht viel mehr gekommen bin, als meinen kleinen Newsletter zu schreiben. In diesem habe ich am Montag vom Tod Om Maliks geschrieben – und war wirklich betroffen. Und muss es deshalb auch hier festhalten. Nicht zuletzt, weil Om als Blogger-Ikone an diesen bloggigen Ort hier gehört.
Aus dem Newsletter:
Om Malik, der als GigaOm-Gründer ab 2001 eines der ersten einflussreichen Tech-Blogs schrieb, ist tot. Malik zeigte einer ganzen Generation, dass unabhängige Stimmen im Netz Reichweite und Einfluss aufbauen können – die Blaupause für vieles, was wir heute Creator nennen. Zuletzt arbeitete er als Investor bei True Ventures. Ein guter Moment, um daran zu erinnern, woher das alles kommt.
Die New York Times hat einen lesenswerten Nachruf (Geschenklink) verfasst, der die Rolle Oms beschreibt, die er für die (Tech-)Blogging-Szene und darüber hinaus hatte.
„Die Regionalzeitungen haben nicht die Ressourcen, die Digitalisierung zu umarmen”, sagt Rainer Esser, frühere Geschäftsführer der Zeit.
Ich halte das für eine Binsenweisheit. Wer es schafft einen Redaktionsschluss mit Print und Auslieferung zu organisieren, kann auch online machen. Was Verlage bis heute nicht verstanden haben: Dass lokaler Journalismus über Community und Leserbindung vor Ort funktioniert und nicht über „Abverkauf“. Das Bedürfnis von Lesern, zu wissen, was vor der Haustür passiert ist nicht plötzlich abhanden gekommen. Statt einen fetten Mantel aus dem Einheitsbüro zu produzieren und seine Seite mit Nachrichten vollzustopfen, die Leser:innen sowieso andernorts besser bekommen, sollten sich Regionalzeitungen auf das konzentrieren, was ihr Alleinstellungsmerkmal ist: Lokale Verbindungen und Nachrichten.
Und dann lauert da noch ein anderes Problem: Jede lokale Zeitung die stirbt oder ihren Job nicht gut macht, öffnet die Lücke nach rechts.
Detektor.fm startet den wöchentlichen Newsletter und Podcast „Dazwischen“ – aus, für und über Sachsen-Anhalt.
Das Projekt wurde auch mithilfe von Förderprogrammen finanziert und wird bis Ende 2027 das Bundesland unter die Lupe nehmen. Ziel ist, „einen interessierten, ausgewogenen und differenzierten Blick auf Sachsen-Anhalt zu liefern“ – und das Besondere: Hier berichtet kein „West-Medium“ über den Osten, sondern hier kommt ein ostdeutsches Team und will neutral und offen über Menschen und Land berichten – für ganz Deutschland unvoreingenommen. Das hier ist nicht die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung mit einer Agenda (und ohne Chefredakteur) „aus dem Osten, für den Osten“, sondern echter Journalismus.
Sachsen-Anhalt wird im Sommer wieder der „Zoo für Westjournalisten“, die in den Osten kommen um O-Töne mit sächsischem Dialekt und Fascho-Inhalten abzugreifen, während sich Friedrich Merz erfolglos abmühen wird, die AfD klein zu machen … Am 06. September dann gibt es hier dann wohl zum ersten Mal den Fall, dass die als rechtsextrem gesicherte Partei die stärkste Partei wird und das demokratisch erwirkte Vorrecht hat, den Ministerpräsidenten zu stellen. Es sei denn, es dreht sich noch was.
Als jemand, der hier 2 Kilometer hinter der Landesgrenze innerhalb des Bundesland lebt gruselt es mich. Als links-denkender, klimabesorgter Demokrat mit queeren Familienmitgliedern stehe ich mit Sorge, Unverständnis und wachsender Wut einer Traube von Menschen in diesem Land gegenüber, die nie Ausländer sehen, alle Autos und Eigenheime haben und trotzdem „gegen die da oben“ meckern und sich sehnlichst einen Diktator wünschen …
81 Jahre nach dem Ende des faschistischen Regimes in Deutschland. 37 Jahre nach dem Ende des Regimes der DDR.
Und wir stehen vor einer Zeitenwende, in der Menschen allen Ernstes – und diesmal vollständig aus eigenen Stücken und frei von Manipulation! – eine faschistische Partei wählen wollen. Na prima.
Daran wird das detektor.fm-Projekt nichts ändern. Aber vielleicht erweitert es den Horizont auch einiger betonköpfiger Politiker und Berichterstatter. Es ist kein Trost, dass „immerhin 60 % der Sachsen-Anhaltiner:innen“ politisch einigermaßen stabil scheinen – oder zumindest keine Fascho-Partei wählen. Auf der anderen Seite mag ich es auch nicht, wenn an all den hier lebenden Menschen dieses Schild pappt. In Sachsen-Anhalt zu wohnen ist ein Makel – und den müssen wir überwinden, denn auch wenn ich hier wohne, bin ich familiär und politisch so weit weg von diesem Label wie nur möglich.
Insofern: Abonnieren, zuhören. Das alles ist keine Einbahnstraße. Und da geht es nicht darum, AfD-Wählern zuzuhören – mein Verständnis dafür, dass jemand diese Partei wählt mit allen Fakten, die auf dem Tisch liegen, ist mittlerweile gleich Null. Es geht darum, den Rest zu stärken statt alle hier lebenden Menschen mit dem Label zu versehen und das Land abzuschrieben.
Daniel Günther, Ministerpräsident in Schleswig-Holstein, sieht den Untergang des Abendlandes, wenn wir nicht endlich Kindern dieses Social Media verbieten.
Konkret sagt Günther: »Teilhabe ist wichtig, aber welche Kinder wollen Teilhabe an Gewaltvideos, Enthauptungen, Stigmatisierungen und verzerrten Schönheitsbildern, die sie in Depressionen treiben?«
Damit zeigt er: Ihm ist an der populistischen Schlagzeile mehr gelegen als an einer echten Lösung.
Man ersetze das „Kinder“ einfach mit „Menschen“
»Teilhabe ist wichtig, aber welche Menschen wollen Teilhabe an Gewaltvideos, Enthauptungen, Stigmatisierungen und verzerrten Schönheitsbildern, die sie in Depressionen treiben?«
Ja, einfache Antwort: Keine.
Und nur weil ich mittlerweile 45 Jahre bin, bin ich genausowenig an diesen Inhalten interessiert. Oder resilienter gegen sie. Ich für mich sehe keinerlei Gewinn darin, solche Inhalte zu sehen.
Und genau an dem Punkt entlarvt sich auch Günther selbst. Denn er könnte einfach fordern, die Plattformen zu regulieren, anstatt Menschen auszusperren. Mir gefällt der Vergleich, den Gavin Karlmeier da neulich im Haken-Dran-Podcast gemacht hat: Wenn sich Drogendealer auf dem Spielplatz tummeln, sperren wir doch nicht die Kinder aus und lassen die Dealer einfach weitermachen, sondern wir kümmern uns um die Dealer.
Aber Günther ist natürlich „schlau“: Er weiß, dass bei einer Regulierungsforderung das AfD-Pack rasch wieder vom Ende der Meinungsfreiheit reden würde. Gegen das Aussperren von Kindern zu deren Schutz aber kann ja niemand etwas sagen. Außer vielleicht über 400 Forschende aus allerlei Ländern. Oder UNICEF, das deutsche Kinderhilfswerk, Lehrerverbände, … Naja, kurzgesagt: Menschen halt, die nicht nur eine Meinung, sondern Ahnung haben.
Ich frage mich, welche Pflicht (oder Recht) ich als Erwachsener habe, derlei Inhalte unreguliert zu sehen, wenn mir ein Algorithmus diese ungefragt vorsetzt. Auch im TV oder auf Presse-Webseiten bekomme ich das nicht zu sehen. Weil es nämlich sowas wie Verantwortung gibt, was im öffentlichen Raum gezeigt wird. Langsam müssen wir mal an den Punkt kommen, algorithmusgesteuerte Plattformen als Herausgeber in die Haftung zu nehmen.
Stattdessen ersetzen wir die inhaltliche Verantworung und Jobs (u.a. von Journalisten) mit KI und zucken dann mit den Schultern, wenn was schief geht … Kann man nix machen, muss man wohl die Kinder aussperren. ¯\_(ツ)_/¯
UPDATE
Passend dazu gerade stolperte ich gerade über einen Artikel in der ZEIT (Geschenklink):
»Es ist deshalb wichtig festzuhalten, dass die vorgeschlagenen Verbote sich gegen junge Nutzerinnen und Nutzer richten – nicht gegen die Systeme, die sie prägen. Sie beschneiden die Freiheit von Jugendlichen, sich zu informieren und sich zu äußern, während die konzentrierte Macht der Konzerne, die ihre Aufmerksamkeitslandschaften gestalten, unangetastet bleibt [sie] greifen nicht in die strukturellen Dynamiken ein, die Erwachsene und Kinder gleichermaßen betreffen.«
Und Verena Schäffer MdL, Ministerin für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen, fordert zurecht:
»Hass und Hetze, Gewalt und Desinformation auf Social Media sind kein Problem einzelner Nutzerinnen und Nutzer. Sie gefährden das Zusammenleben in unserer demokratischen Gesellschaft. Plattformbetreiber müssen endlich wirksam gegen strafbare Inhalte vorgehen und ihre Algorithmen so ändern, dass Nutzerinnen und Nutzer wieder selbst entscheiden, welche Inhalte in ihren Timelines erscheinen. […] Statt immer neuer Debatten über zusätzliche Instrumente sollte die Europäische Kommission zunächst konsequent anwenden, was bereits gilt.«
Heute Morgen schon im Newsletter erwähnt, aber der ist viel zu gut, um nicht auch hier zu landen: Ein Tag im Leben des Enshittificators – dargestellt in einem witzigen Kurzfilm der norwegischen Verbraucherzentrale für die Kampagne ‚Breaking Free‚ gegen die verbraucherfeindliche Enshittification.
Das Gute ist ja: Bevor wir alle erfahren, dass jetzt Atomkrieg ist, ist die Hälfte von uns schon nicht mehr da.
Einfach, weil innerhalb einer Stunde das meiste eigentlich erledigt ist. Das spendet Trost.
– ‚72 Minuten bis zur Vernichtung‚ ist ein faszinierendes Buch, dass vom Abschuss des ersten atomaren Sprengkopfs minutiös die Reaktion der USA, Russlands und anderer Parteien zeichnet. Und dokumentiert, wieso wir uns gar keinen Kopf mehr machen müssen, wenn das erste Social-Media-Video oder die erste Nachrichtensendung über einen Einschlag berichtet.
Wenn man das einmal verinnerlicht hat, fällt es deutlich einfacher sich gar keinen Kopf mehr zu machen.
Drei alte weiße Männer werden uns ins Verderben schießen. Acht Milliarden Menschen. Mehr braucht es nicht, als drei alte weiße Männer.
Die Weltuntergangsuhr, die sprichwörtlich maximal auf 5 vor 12 stehen sollte, wurde am 27.01.2026 auf 85 Sekunden vor Mitternacht gestellt – ein neuer Spitzenwert. Ich frage mich, wo sie am 01.03.2026 steht …
Manchmal lasse ich mich so durch YouTube Music treiben. Und da kam mir gerade Unstoppable von Sia vor die Nase – was diesen Januar tatsächlich schon 10 Jahre wird und seitdem permanent da ist. Noch krasser indes ist: Dass ich Sia erstmals gehört habe ich mittlerweile auch schon 20 Jahre her:
… Six Feet Under könnte ich nach 20 Jahren echt mal einem Rewatch unterziehen. Gibt es tatsächlich auf HBO Max. Ich werd‘ alt.
„Der erste Digital Independence Day oder Di.Day findet am 4. Januar 2026 statt und wird von der Initiative Save Social koordiniert.“ – Ich finde es eine gute Idee einen Tag zu bestimmen, der gesellschaftlich das ganze Thema einmal versucht breiter zu positionieren. Und es ist schlau, da einen prominenten Sprecher wie Marc-Uwe Kling vorn dran zu haben. Mit dem Namen und der Kurzfristigkeit habe ich so meine Probleme, aber das würd‘ die Idee jetzt nur zerreden…