Ich wache auf dem Boden einer Schutzhütte im Wald auf. Der Morgen dämmert, draussen ist es trotzdem noch still. Keine Spur von einem Vogel, oder anderem Tier. Ebensowenig jedoch von einer wie auch immer gearteten Laune, die mir erlauben würde jetzt aufzubrechen.
Ich lasse mir viel Zeit mit dem Aufstehen. Die Nacht war okay – warm und ruhig. Ich packe meinen Schlafsack und die Isomatte ein, ziehe mich an … ganze 30 Minuten dauert das. Meine Motivation und Laune blieb irgendwo in der Nacht verloren liegen. Ich setze mich auf‘s Fahrrad und rolle in die morgendliche Kühle. Dieser Tag wird beschissen, das weiß ich schon jetzt …
Wie ich hier her kam
Ab und an höre ich den „Frei raus“-Podcast von Christo Foerster. Darin spricht Foerster sehr oft von seinem Konzept der Mikro-Abenteuer: Sachen packen und für 24 Stunden raus, einfach mal was erleben.
In der letzten Episode beschäftigte er sich mit der Frage, ob seine Abenteuer eigentlich wirklich Abenteuer oder doch nur Ausflüge seien. Rein literarisch betrachtet nämlich, bräuchte es zum Abenteuer stets nicht nur eine Entwicklung des Charakters und ein Erlebnis, sondern vor allem auch eine äußere, für den Abenteurer nicht zu steuernde, Beeinflussung.
Das muss nicht unbedingt direkt ein Zyklop oder göttliche Verbannung sein, auf der eigenen Odyssee. Aber irgend etwas, dass uns eben vom ursprünglichen Plan abbringt.
Und ich fragte mich: Kann das auch unsere eigene Laune sein?
Plötzlich abhanden kommende Motivation, trotz guter Planung und perfekter Bedingungen?
Die nämlich – die eigene Laune, oder eben das Nicht-vorhandensein eben jener, stand mit Anfang September bei meinem letzten Abenteuer im Weg. Eigentlich wollte ich das letztes Aufbäumen des Sommers mit zwei 28 Grad-warmen-Tagen, nutzen. Nahm mir spontan frei: Zwei Tage perfektes Wetter, in denen ich einfach nochmal mit dem Fahrrad und dem Schlafsack raus konnte. Eine Runde von knapp 300 Kilometern, Übernachtung im Wald und einfach mal entspannt radeln – ohne wirkliche Zielzeit oder Vorgabe.
Der Plan: Nach einem normalen Arbeitstag Sachen packen, gegen 17 Uhr aufbrechen. Die Route führt mich von Zuhause durch die Dübener Heide in den Naturpark Fläming. 115 Kilometer bis zu einer Schutzhütte im Wald, die als Übernachtungsort dient. Im Dunkeln ankommen, früh Morgens vor den ersten Wanderern wieder los. Anschließend, bei schickem Wetter, 170 Kilometer zurück.
Hörte sich nach einem guten Plan an – absolut machbar.
Aber irgendwie war der Wurm drin…
Ich kam verspätet los. Unterwegs ein kurzer Stopp kurz vor Ladenschluss in einem Penny. Sonnenuntergang. Wald im Dunkeln. Kurz nach 22 Uhr an der Schutzhütte.
Der Weg war wunderbar. Die Strecke kannte ich zur Hälfte bereits, legte mir einen Abschnitt in Bitterfeld-Wolfen aber neu und fuhr durch das wohl trostloseste Gewerbegebiet, dass ich seit der Wende im Osten gesehen hatte. Links und Rechts waren die Straßen noch von AfD-Wahlplakaten gesäumt und drückten auf die Laune. Und überhaupt zog sich das irgendwie trotz schöner Waldstücke und guten Wetters alles. Zäh!

Gegen Mitternacht schlief ich in meinem Schlafsack ein. Im Dunkel des Waldes vor allem: Stille. Das Funkeln der Sterne klar und hell. Der ausgesuchte Platz hatte im Umkreis einiger Kilometer keinen Ort und kein Licht. Es war super. Und meine Laune trotzdem auf einem Tiefpunkt.
Das Aufwachen am nächsten Morgen zog sich hin. Ich hatte gut geschlafen – sagte sowohl mein Körper, als auch mein Whoop-Tracker. Nur mein Kopf sagte etwas anderes. „Naja, einfach zum Bäcker – Kaffee, Gebäck, … wird schon!”, motivierte ich mich selbst. Und brauchte anschließend für die ersten 10 Kilometer satte 30 Minuten. Eine Strecke, die ich sonst locker in 20 bis 22 Minuten reite.

Dummerweise wurde es nach dem Bäcker nicht besser. Und auch nach dem zweiten Stopp nicht. Auch ein Powernap half nichts. Und ein weiterer Stop ebenfalls nicht. Es zog sich.
Und stetig hämmerte mein Kopf in mieser Laune: Das macht keinen Sinn. Warum machst du das eigentlich?
Normalerweise befreit Radfahren meinen Kopf. Egal welche Laune ich habe: 20 Minuten auf dem Rad und ich bin in einem anderen Zustand. Gemächlich hilft mir, Sachen zu sortieren. Ballern macht den Kopf komplett frei von allem – ich komme dann einfach komplett leer wieder zurück und bin glücklich.
Klappt immer. Seit Jahren. Zuverlässig.
Nur diesmal nicht.
Jeder Meter ein Kampf. Jeder Gedanke endete negativ.
Im sachsen-anhaltinischen Hinterland ist es dummerweise nicht so, dass man permanent entlang einer Bahnstrecke fährt. Ausstiegspunkte hatte ich sowieso nicht geplant, einfach weil die Zahl der Kilometer nicht zu hoch angesetzt war und ich alles an Reparaturzeug dabei hatte.
Ich vs Ich
Aber irgendwann bei Kilometer 60 gewann mein Kopf.
Ich öffnete die Karten-App auf und schaute, wo der nächste Bahnhof lag.
34 Kilometer. Unter normalen Umständen eine Stunde und ein bisschen … Diesmal dauerte es länger. Deutlich.
Um 13:00 Uhr komme ich am Ost-Bahnhof in Calbe an. Stoppe den seit 07:35 Uhr laufenden Radcomputer. 4 Stunden Bewegungszeit, 6 Stunden unterwegs – und gerade einmal 94 Kilometer. Im Vergleich zu meinen sonstigen Radtouren ein lachhaftes Ergebnis. Quasi wie Laufen.

Um 14 Uhr steige ich in den Zug. Und bin – zum ersten mal heute – eines: glücklich.
Ich bedauere nicht, 80 Kilometer vor Zuhause abgebrochen zu haben. Übrigens zum wirklich ersten Mal in sechs Jahren Rad fahren, dass ich eine Tour abbreche.
Mein Kopf sagt: Siehste!
Beweisen musste ich niemandem etwas. Ich wollte einfach eine schöne Zeit. Und die Bedingungen waren perfekt. Was nicht perfekt war, war meine Laune. Die sich erst besserte, als ich nicht mehr auf dem Rad saß.

Ich wollte ein Abenteuer.
Ich hatte eines. Eins in meinem Kopf. Gegen meinen Kopf. Und der hat diesmal gewonnen – und gleichzeitig habe ich nicht verloren, weil ich glücklich im Zug sitze und zum ersten mal lächle, mir im Bahnhof in Halle einen Kaffee kaufe und den zum ersten mal an diesen beiden Tagen etwas wirklich genießen kann…
Was bleibt?
Hat die Geschichte eine Erkenntnis?
Naja. Wir können Glück nicht erzwingen, weil es manchmal ganz anders aussieht, als wir uns ausmalen.
Für mich – rein für die Planung –, habe ich daneben durchaus ein Learning (wie wir Büroarbeitenden sagen): Ich kann prima im Wald schlafen, Erstens. Und Zweitens: scheinbar brauche ich für ein Abenteuer ein Ziel, dass nicht „Zuhause“ ist. All meine Abenteuer hatten bisher eine Idee: meine Beine in der Ostsee, ich am Brandenburger Tor, eine zu erreichende Fähre, … ein symbolisches „Ende“ einer Tour. Etwas, das mich antreibt. Scheinbar reicht „eine Nacht im Wald“ dafür nicht. Für mich tatsächlich eine wichtiges, gutes Learning. Ich brauche für meine Abenteuer keine unvorhergesehenen Dinge, aber vielleicht „absolutistische“ Ziele, um mit den unvorhergesehenen Dingen – wie konstant schlechter Laune – besser klar zu kommen.
Auch mal etwas Neues gewesen.
Und dann sitze ich hier, tippe diese Zeilen, schüttle den Kopf über mich und einen Tag, der zum Vergessen war – oder eben nicht, weil ich am Ende doch die schöne Erinnerung einer sternenklaren Nacht im Wald und eine wichtige Erkenntnis über mich mitnehmen konnte…
2 Kommentare
Deine Offenheit jenseits von etablierten Erfolgsmetriken — mag ich.
#Ein schöner, ehrlicher Text. Vielleicht war gerade der Moment, in dem du aufgehört hast, gegen dich selbst anzufahren, das eigentliche Abenteuer. Nicht jeder Weg muss bis zum geplanten Ende führen, um etwas wert zu sein. Manchmal liegt die Erkenntnis eben am nächsten Bahnhof – und wartet dort mit einem Kaffee. 🙂
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