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„Alle sind ständig müde“

Friedrich Merz und seine wirtschaftsnahen Kumpanen erklären gern, dass wir Deutschen zu faul und zu krank sind. Selbst Lars Klingbeil stimmt jetzt mit ein und meint, die Deutschen seien zu mehr Opfern bereit. Ich hab' kurz mal mich als deutsche Kartoffel gefragt und – naja, wie soll ich sagen –: nein.

Weil, das Ding ist: Wir opfern schon.
Wir leisten Überstunden, versuchen all den Ansprüchen von Gleichberechtigung, Aufmerksamkeit, und dieser Work-Life-Balance gerecht zu werden – und sehen gleichzeitig, wie alles teurer wird, Faschos Wahlen gewinnen, wir in Kriege und Krisen taumeln.

Mehr Opfer bringen. Aber was denn noch?

„Wir werden mehr arbeiten müssen“, sagt Klingbeil und wiederholt damit eine Phrase von Friedrich Merz.
Ich frage mich auf diese Floskel immer: Wieso – für was oder wen eigentlich?

Wir sind zu faul. Zu krank. Und sollen uns mal anstrengen.
Merz und Klingbeil klingen wie der neue, freshe CEO einer Firma.

Das Problem ist nicht das wollen, Lieber Friedrich, Lieber Lars.

Interview mit der Hausärztin Maren Sommer in der ZEIT (Geschenklink):

Wir haben regelmäßig Studentinnen und Studenten bei uns für ein Praktikum. Alle, wirklich alle, sind erstaunt, wie viele Patienten psychisch krank sind. Das wird völlig unterschätzt. Und es fängt schon damit an, wie müde die Menschen momentan sind. Frauen, Männer, Junge, Alte – alle sind ständig müde. Obwohl sie genug schlafen und sich recht gesund ernähren. Gefühlt sagen mir das am Tag drei Patienten. Eine junge Mutter – zwei Kinder, Vollzeitjob – erzählte neulich, dass sie nachmittags manchmal am Rechner kurz einnicke. So erledigt sei sie.

Das Problem ist das Können.

Abgesehen von der tatsächlichen, wirtschaftlichen Gegebenheit (ob die Mehrarbeit überhaupt sinnvoll ist) sind wir schlichtweg an einem Punkt, an dem die Gesellschaft unter dem Druck des Wirtschaftssystems und der Multikrisen zerbröckelt.

Wir zerreiben an den Ansprüchen, dem Druck, den Problemen (die wir als Einzelne nicht mehr überblicken oder gar lösen können – und bei deren Lösung wir auch den internationalen Partnern nicht mehr vertrauen, weil wir jeden Tag sehen wie Trump, Putin und selbst Europas Uneinheit dieses Vertrauen zerstören).

Statt aber über Konzepte zu sprechen, die nicht das System, sondern den Menschen entlasten (liebe CDU, liebe SPD), reden wir über noch mehr Druck: weniger Sozialleistungen, mehr Eigenleistung im Krankheitsfall, mehr Arbeit, …

Von sozialer Politik haben wir uns verabschiedet.
Die CDU führt Debatten über Deutschland, wie über ein Unternehmen: Wer keine Leistung bringt, fliegt.

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Kommentare

  • Naja, die Antwort, für wen mehr gearbeitet werden soll, ist ja doch relativ leicht. Für den Reichtum einiger weniger. Ich möchte da gar nicht von Wohlstand reden, denn Wohlstand geht auch mit weniger, wenn wir unsere Gesellschaft und Wirtschaft dementsprechend umstellen würden. Solange sich aber immer mehr Vermögen auf immer weniger Menschen konzentriert, solange müssen halt die, die mit ihrer Arbeitskraft die Gewinne erwirtschaften, mehr Arbeiten, damit sich das Vermögen noch weiter konzentrieren kann.

  • Dieses dumme Geschwafel dieser Regierung macht mich wütend.... Es werden doch schon überall "komische" Lösungen gefunden... Wenn ich von mir ausgehe: ich habe Rücken und deshalb Reha- Sport verschrieben bekommen. Es hilft mir wirklich, da ich mich dienstlich einseitig belaste(n muss). Eigentlich müsste ich dafür freigestellt werden- Ich arbeite die Zeit nach, weil mein Chef und ich uns so "geeinigt" haben... Auch in anderen Firmen kenn ich genug Leute, die "an die Firma etwas zurückgeben"... Nein- ich mache das freiwillig, weil ich weiß, das ich mit 60 vielleicht noch irgendwo einen Mindestlohn Job bekomme, wenn überhaupt.
    Die Frage für wen... Für Herrn Dieter Schwarz, dessen Vermögen auf etwa 50 MILLIARDEN Euro geschätzt wird oder den Vorstandsvorsitzenden von VW der sich Jährlich 9 Millionen einstreicht. Für ein Parlament, das bei der letzten Diätenerhöhung jeden Monat zusätzlich soviel Geld einstreicht, das man davon eine Schule aufs feinste Modernisieren und sanieren könnte, den Chef des Würth- Imperiums, die Anteilseigner von BMW usw.... Wenn man all die Vermögen dieser Leute zusammenrechnet haben wir fast einen Jahreshaushalt unseres Landes... Das ist so unfassbar viel Geld- DAS IST DIE ARMUTSSCHERE.
    Ich sag's mal so: Wenn ihr reichen Fettsäcke noch mehr haben wollt: ohne mich, sobald es geht, werde ich in Rente gehn. Für mich wird immer offensichtlicher, das unsere Regierung nur noch ein Kasperle- Theater abgibt. Und Nein: bei denen von der "Alternative" würde sich das Prinzip nicht ändern- nur die Begünstigten...
    Früher gab es Anstand und Werte. Das alles ist dem Lobbyismus und der Völlerei zum Opfer gefallen. Überall. Siehe Bahn: Stecken die sich rechnen, aber keine gro0e Marge abwerfen wurden stillgelegt- obwohl sie rentabel waren.

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