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Ehrlos, wer noch auf X ist

if you continue to stay on X, it tells me you care more about your so-called audience than your so-called values

Bob Wertz

Es gab seit der Übernahme des Dienstes Twitter durch Elon Musk viele gute Gründe, die Plattform zu verlassen. Und dieser Tage liefert die Gemengelage aus toxisch-perversen Männern, einer fehlgeleiteten KI und Musk selbst noch mehr dieser Gründe.

Unternehmen spielen eine Meinung zu haben. Sie agieren nach kapitalistischen Grundsätzen – wer sein Unternehmen nicht oportun leitet, ist als Unternehmensleiter nicht geeignet. That's Capitalsm, Baby.
Sehe ich als BWLer und Unternehmersohn durchaus (ein). Die Frage nur ist eben: Wo ist die Grenze?

Will ich mit Faschos, Kriminellen und Verrohrten wirklich offen Geschäfte machen?
Oder will? kann? muss? ich es mir als Unternehmen leisten, manche Zielgruppen einfach abzulehnen?

Als Kunden indes haben wir immer die Wahl.

Vielmehr müssen sich Politiker die Frage stellen.
Klar, Friedrich Merz versucht die rechte Bubble abzuholen. Mission "AfD halbieren" ist krachend gescheitert, aber man lässt sich auf X weiter lustig von Faschos beleidigen. Wieso auch nicht.
Wieso aber ist UK Primeminister Keir Starmer noch dort, während er sich derzeit als lautester Politiker gegen das Gebahren der Plattform stellt? Immerhin: Seit 8. Januar hat er nichts mehr gepostet.

Von Unternehmen erwarte ich ehrlich gesagt kaum mehr Haltung.
Der Pride Month 2025 und die Abschaffung diverser DEI-Maßnahmen in den letzten Monaten sollten jeden realistisch genug werden lassen. Von Politikern sehen wir leider die gleiche duckmäuserische Haltung mittlerweile – der Verstoß gegen das Völkerrecht in Venezuela macht das deutlich.

Wo aber ist das Gewissen in der Gesellschaft?

Wir sind in einer Gesellschaft angekommen, in der es okay ist, wenn Politiker gegen Grüne und Link hetzen, Menschen KI nutzen um Pornos von realen Menschen zu erstellen, Klimawandelleugnung Konsens wird und Milliardäre Länder faschistoid nennen.

Und wenn wir hoffnungsvoll annähmen, noch nicht in einer solchen Gesellschaft zu leben, wieso nutzt man dann noch X? Um mit Menschen zu reden, die Frauen mit KI entkleiden, einem reichen Fascho zujubeln und Firmen zu folgen, von deren Glaubwürdigkeit man sowieso nichts mehr hält?

Ich vermische hier sicherlich ein bisschen verschiedene Aspekte. Kann sein, dass ich derzeit über alle Gebühren gefrustet bin. Sorry … Aber Haltung scheint 2026 einfach nicht mehr cool zu sein. Egal, von wem.

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Kommentare

  • Versteh den Frust völlig. BTW.. Versuch mal x Punkt com in den Links durch nitter Punkt net zu ersetzen, dann umgehen Leser die dämliche Aufforderung zum anmelden und können ohne Konto auch die Replys dort lesen.

  • Haltung ist halt solang gut, bis sie das persönliche Bequemlichkeitsgefühl kratzt. Das gilt auch für alle anderen Werte. Und wenn Bruttoreichweite immer noch als relevanter KPI verkauft wird, wird sich nichts ändern.

    Bis die Einsicht kommt, dann es aber möglicherweise zu spät ist.

  • Im Grunde ist es ganz einfach: Nicht mehr nutzen (und nicht mehr erwähnen und nicht mehr hinverlinken). Dann wird die Bühne uninteressant (das ist eine ähnliche Lösung wie beim Cybermobbing: Wenn man es nicht liest, dann kann es einen nicht treffen).
    Aber: Die Spinner sind immer irgendwo. Von mir aus können die dort bleiben, also X nicht abschaffen 😉

  • Dann mal herzlichen Dank für diesen angenehm pointierten Beitrag! Und Du hast ja recht, was Debattenkultur, die algorithmische Schieflage und die Grenzen zwischen „Reichweite“ und „Haltung“ angeht.

    Dennoch glaube ich, dass man seine Werte gerade dann verteidigen kann, wenn man das Feld nicht kampflos räumt (Aber wem sage ich das, schließlich bloggst Du seit über 20 Jahren und hast das Feld nicht geräumt als Facebook und Twitter auftauchten). Haltung zeigt sich für mich nicht nur durch Rückzug, sondern auch durch die Präsenz der Vernunft an schwierigen Orten. Wer bleibt, um Fakten gegen Hetze zu setzen oder den Diskurs nicht allein den „Faschos“ und KIs zu überlassen, beweist in meinen Augen erst recht Rückgrat.

    Ist halt ein schmaler Grat zwischen Opportunismus und notwendigem Widerstand im digitalen Raum. Haltung 2026 bedeutet vielleicht auch, dort laut zu sein, wo es unbequem ist. 🦌

  • @Frank Ich gebe dir bis zu einem gewissen Grad ja recht – sonst würd' ich auch auf Threads oder LinkedIn ja Faschos nicht ins Gesicht sagen, wie dumm oder falsch sie sind. Für mich ist der Unterschied hier aber, dass die Plattform massiv durch ihren faschistisch denkenden Chef gelenkt und beeinflusst wird; wenn Musk alles daran setzt, dass sein Einfluss, seine Meinung und sein rechtsgerichtet Bild auf der Plattform mehr Gewicht bekommt, steht man auf verlorenem Posten. Dazu kommt: Es gibt ja Ersatz. Niemand geht auf Truth Social oder 4chan mit dem Gedanken: "Ich setze denen jetzt mal was entgegen". X war mal eine demokratische Plattform, sie ist nach rechts gekippt. Man darf die ruhig auch aufgeben und den Kampf andernorts führen.

  • @Thomas Ich zitier mal aus einem meiner Lieblingssongs: "Wenn man den Boden verliert, dann muss man Häuser besetzen" (Fiva: Die Stadt gehört wieder mir). In diesem Sinne gehe ich in den kommenden Tagen auf X live.

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