Internet ist kaputt, und alle wollen's verbieten (Ausgabe 8)
Diese Woche geht es um KI-Companions, das Social-Media-Mindestalter und ein bisschen mehr. Dazu Lesetipps und Altes zum Streamen.
In den vergangenen Tagen nahm die Diskussion um ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche richtig Fahrt auf. Während die ersten (widersprüchlichen) Ergebnisse zum Verbot in Australien kommen (dort seit Dezember), rumort es in der EU. Spanien, Frankreich, die Niederlande – alle wollen sie „die Kinder vor Social Media schützen“.
Ich habe nichts gegen den Schutz von Kindern (hab' ja selbst drei…), aber ich finde auch, dass wir uns hier schlichtweg zu einfach machen. Oft wird Social Media mit Alkohol verglichen; dabei muss es überhaupt nicht giftig sein – dafür müssten wir nur Plattformen regulieren und Täter bestrafen.
In diese Diskussion preschte die SPD diese Woche mit einem Vorschlag vor (und nahm der CDU damit ein Thema weg, das sie eigentlich auf dem Parteitag am Freitag und Samstag besprechen wollte). Und so sehr ich gegen ein Verbot bin: Den Ideen der SPD kann ich durchaus etwas abgewinnen – auch wenn es bestimmte Aspekte offen lässt.
Denn die SPD adressiert, dass nicht die Kinder das Problem sind, sondern die Algorithmen.
Und die machen uns alle krank – nicht nur den Nachwuchs. Wer sich meinen Gedanken dazu anschauen möchte: hier und hier habe ich in den letzten Tagen dazu etwas ausführlicher aufgeschrieben.
Die SPD-Forderung ist interessanter, weil es dabei weniger um ein stupides Verbot, als um Algorithmuskontrolle geht. Genau das wäre eben ein Ansatz der Plattformkontrolle.
Die CDU hat auf ihrem Parteitag gestern dann auch ein Social-Media-Verbot beschlossen.
Was als nächstes passieren wird: Die Regierung wird gemeinsam mit den anderen Ländern der EU Druck auf die EU-Kommission ausüben. Die will bis Sommer eine Einschätzung abgeben, um dann ein Gesetzgebungsverfahren einzuleiten – denn auf nationaler Ebene dürfen das Regierungen überhaupt nicht. Wer heute also 14 oder 15 ist, muss sich wohl keine Sorgen machen, die Mühlen laufen langsamer als der Populismus es vermuten lässt.
Was mir immer wieder aufstößt in der Diskussion: Die Betroffenen werden vollständig ignoriert. Niemand spricht über Medienbildung und -kompetenz. Niemand spricht mit den Digital Natives über ihre Einschätzung. Das Recht auf Teilhabe in demokratischen Prozessen wird in der öffentlichen Diskussion auf Null gesetzt.
Und dann sollte man sich auch fragen, was es wirklich bringt.
Wenn Experten von Kinderhilfswerken über Psychologen bis zum Lehrerverband ein pauschales Verbot ablehnen (netzpolitik.org), sollte man diskutieren, statt Beschlüsse für medienwirksame Schlagzeilen zu erwirken.
Ja, Plattformen müssen safer werden, pauschale Verbote lösen aber die zugrundeliegenden Probleme nicht.
'Internet ist kaputt' ist mein kleiner Beitrag zur Rebellion gegen die Enshittification des Internets. Hier ist, womit ich meine Woche verbracht habe: Gelesen, Gesehen, Gehört. Du kannst per Blog, RSS oder Substack folgen.
Meine Artikel der Woche
1 | KI-Haustier: Teuer, piepsig, nervig
Casio (ja, die mit den Uhren und Taschenrechnern) hat ein KI-Haustier namens Moflin gebaut … Wer die Tribbles aus Star Trek kennt, wird nicht absprechen können, dass das 429 US-Dollar teure Wollding durchaus Ähnlichkeiten hat. Moflin kann piepsen, zittern und soll eine „beruhigende Präsenz“ haben.
Verge-Autor Robert Hart hat ein paar Tage mit ihm gelebt und verspürte statt Beruhigung vor allem eines: den starken Drang, es wegzuwerfen. Ein "echtes" Gefühl seinem Moflin gegenüber kam zudem nie auf. „I feel like I’m not using a companion, I’m using a noisy object with a dashboard“, schreibt Hart.
Moflin ist explizit nicht als Spielzeug gedacht, sondern soll ein "Smart Companion powered by AI" sein, der mit dem Nutzer wächst und eine eigene Persönlichkeit entwickelt. Es soll ein Haustier-Ersatz für Menschen sein, die keines halten können. KI soll Moflin dabei einen Charakter verleihen. Insbesondere in Japan und Südkorea wächst der Markt für diese "Begleiter".
Mich fasziniert das Konzept. Auf der einen Seite kann ich den Drang verstehen, sich etwas "Lebendiges" in ein einsames Leben zu holen. Auf der anderen gibt es da die Frage, die der nächste Link aufgreift: Was gewinnen wir wirklich, wenn wir echte Beziehungen durch simulierte ersetzen? (The Verge, archive.md-Link)
2 | Was uns Tech wirklich wegnimmt
Rebecca Solnit schreibt im Guardian einen ausführlichen Essay darüber, was das Silicon Valley uns schleichend entwendet – und wie wir es zurückbekommen können.
Solnit argumentiert: Tech hat uns beigebracht, Entscheidungen auszulagern, echte Begegnungen zu meiden, Schwierigkeiten zu fürchten. Dabei ist es gerade der Widerstand, die Mühe, das Unperfekte, das uns menschlich hält. KI-Companions, die immer verfügbar, nie widersprüchlich und niemals fordernd sind, klingen praktisch – aber ohne Reibung kann es keine echten Bindungen geben.
Wer immer nur Zustimmung bekommt, verliert die Fähigkeit, mit echten Menschen umzugehen.
„The solution to loneliness is each other“, schreibt Solnit. Das klingt banal. Ist es aber nicht. (The Guardian)
3 | Die Presse und der Musk-Mythos
Karl Bode nennt es "CEO Said A Thing!"-Journalismus: die Praxis, Aussagen von Milliardären einfach unkritisch zu veröffentlichen – ohne historischen Kontext, ohne Gegencheck, ohne Expertenstimmen. Und niemand habe davon mehr profitiert als Elon Musk.
Jahrzehntelang haben Medien ein Supergenius-Image für ihn aufgebaut – obwohl Musk vor allem darin gut ist, sich an Innovationen dranzuhängen und deren Erfolg als die seinen zu verkaufen. Jetzt kündigt er KI-Satellitenfabriken auf dem Mond an. Business Insider und die New York Times tippen brav mit – ohne zu fragen, ob das jemals passieren wird. Ohne zu fragen, ob das überhaupt passieren kann!
Spoiler: Nö.
Dem Einzigen, dem damit gedient ist, ist Musk. Der nämlich braucht den Hype für den bevorstehenden SpaceX-Börsengang. Das wäre eigentlich die Geschichte. (karlbode.com)
4 | OAZ: Eine Zeitung, ein Plan, viele Fragen
Am 20. Februar erschien die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung von Holger Friedrich (bereits Verleger der Berliner Zeitung) – 56 Seiten, 3,90 Euro, 40.000 Exemplare.
Mehr als 30 Jahre nach der Wiedervereinigung ist die zugrundeliegende Idee eigentlich überfällig: Der ostdeutsche Zeitungsmarkt gehört fast ausschließlich westdeutschen Verlagen – eine selbstbewusste ostdeutsche Stimme fehlt.
Das Problem jedoch steckt in Personal und Ton: Der Parlamentskorrespondent hat früher für RT Deutsch gearbeitet, der Chef des Debattenressorts für die Junge Freiheit. Das Porträt von AfD-Chef Chrupalla fiel – taz und ZEIT sind sich einig – fast zärtlich aus: Seine Uhr, sein Stil, seine Moped-Lässigkeit. Sein politisches Programm? Keine Rolle. Russland wird gleich mehrfach als keine wirkliche Gefahr eingestuft, kritische Nachfragen sucht man vergebens.
Die "Stimme Ostdeutschland" ist keine, die sich selbstkritisch mit dem Osten beschäftigt, sondern fast ein bisschen rechtsverliebt. Ja, Friedrich bespielt eine echte Marktlücke – aber die Frage ist: für welche ostdeutsche Perspektive genau? (taz, DIE ZEIT (Geschenkartikel), Holger Friedrich in der Wikipedia)
5 | CDU: Zurück in die 60er
Ich will nicht dauernd über Politik schreiben – das habe ich auf dem Blog bereits angemerkt. Aber dieser Kanzler, diese CDU, dieser Parteitag …
Die Beschlüsse aus Stuttgart lesen sich wie eine Zeitreise: Cannabis wieder verbieten. Telefonische Krankschreibung abschaffen – weil die angeblich mitschuldig an der "hohen Krankenquote" sei. Mindestlohn für Saisonkräfte in der Landwirtschaft abschaffen – auch wenn das laut Bundesagrarministerium rechtlich gar nicht möglich ist. Die Grenze für den Spitzensteuersatz nach oben. Und Jugendliche raus aus der digitalen Teilhabe.
Markus Söder hat in Heidi Reichinnek seinen neuen Robert Habeck gefunden. Und Friedrich Merz ist sowieso gegen alle: Ausländer, Arbeitende und Arbeitslose, Kranke, … Nur gegen Reiche hat er nichts – weder jene, die viel verdienen, noch seine katastrophal schlechte Wirtschaftsministerin mit eben jenem Namen.
Diese Woche gelernt
In unserem Universum gibt es eine merkwürdige Lücke: Planeten mit einem Radius zwischen dem 1,6- und 1,9-fachen der Erde existieren kaum. Astronomen nennen das den "radius gap" – und er ist kein Zufall. Planeten dieser Größe werden wahrscheinlich durch die Strahlung ihrer Sterne der Atmosphäre beraubt und schrumpfen auf felsige Kerne zusammen. Anhand von WASP-69b können Astronomen das nachvollziehen. Der Planet verliert 200.000 Tonnen Masse – pro Sekunde! (Scientific American)
Den Begriff "Internet Water Army" kannte ich bisher nicht. Er entstammt der Blase, die das chinesische Internet ist. Die Water Army sind Gruppen, die für Bezahlung Kommentare, Fake-Reviews und Desinformation im chinesischen Internet verbreiten – seit den frühen 2010ern ist das ein richtiges Geschäftsmodell, welches eine politische Agenda steuern oder Firmen in Schwierigkeiten bringen kann. (Wikipedia)
Diese Woche im Buch
Nach Jan Ullrichs Biografie lese ich mit "On the Road" direkt über den nächsten Radler – und zwar von Rick Zabel, dem Sohn der Sprint-Legende Erik Zabel (der zusammen mit Ullrich im Team Telekom fuhr). Rick Zabel erzählt im Buch von den ersten 30 Jahren seines Lebens. Wie er in den Radsport fand und dort seinen Platz fand. Locker, mit reichlich Selbstironie und dem Herz am rechten Fleck schreibt er und gibt Einblicke in den Radsport-Zirkus. Das hier ist keine "ultimative Heldengeschichte" – dafür weiß Zabel selbst, dass er zwar zur Elite, aber nicht zur Weltspitze gehörte. Das ist primär ein unterhaltsamer Rückblick, der dann Spaß macht, wenn man am Radsport interessiert ist – oder dem heutigen Influencer Zabel auf Instagram folgt und ihn wegen seiner Persönlichkeit mag. (Amazon, @rickzabel auf Instagram)
Diese Woche gesehen
Die beste Krimi-Action-Serie der 1990er ist jetzt auf Amazon Prime: Nash Bridges war mein Miami Vice.
Don Johnson, Cheech Marin und ein gelbes 1971er Plymouth Hemi Barracuda Cabrio. 30 Jahre ist die Premiere her – jetzt gibt es sie erstmals im digitalen Format. (Amazon)
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